Tag der Erinnerung
Jan 28th, 2010 | By Sepp | Category: Demokratie, SEPP BLOG
(27.01.10) In meiner Oberschulzeit haben wir im Geschichtsunterricht die Zeit des Faschismus‘ und Nationalsozialismus‘ relativ gründlich behandelt. Ich habe dabei jedoch nie etwas davon gehört, dass die Nationalsozialisten bei uns in Südtirol Lager eingerichtet haben. Auch im dicken Buch „SÜDTIROL - Eine Frage des europäischen Gewissens“, herausgegeben vom Historiker Franz Huter (1965), ist mit keiner Silbe das Unrecht der Nazis in Südtirol erwähnt. Von Eingesperrten, Verschleppten und Ermordeten durch die Nazis habe ich zunächst nur von meinem Vater erfahren, der Dableiber war, und später durch die Lektüre kritischer Artikel.
Erst in den letzten zehn Jahren hat man bei uns angefangen, an die Millionen von Opfern des Nationalsozialismus‘ stärker zu erinnern und so gibt es inzwischen überall auch am 27. Jänner, am Tage der Befreiung von Ausschwitz, Gedenkveranstaltungen. Es ist gut, dass man auch noch nach so vielen Jahren wirkungsvoll das Gedächtnis an eines der größten Menschheitsverbrechen der Geschichte wachhält: Den Versuch der Auslöschung eines ganzen Volkes durch das NS-Regime und seine Helfer sowie die systematische Degradierung von Personen jüdischer Herkunft zu Menschen zweiter Klasse.
Auch in Südtirol wird seit einem Jahrzehnt der Tag der Erinnerung würdig begangen, zumal in Bozen, wo Einrichtungen wie das Stadtarchiv wertvolle Aufklärungsarbeit leisten. Die Deportation der jüdischen Gemeinde in Meran und die Errichtung des Durchgangslagers Bozen 1943/44 belegen, wie sehr der NS-Terror auch Südtirol erfasste.
Was ich aber nicht verstehe, vor allem in Italien, wo bis zur höchsten Staatsspitze alle dieses Tages gedenken, ist folgende Tatsache. Der italienische Faschismus, der Inspirator für den Nationalsozialismus in Deutschland war, wird vielfach bagatellisiert, nicht nur, er wird sogar immer offener verherrlicht. Mussolini-Souvenirs werden ungeniert verkauft und hergezeigt. Immer mehr Leute sympathisieren wieder mit den Diktatoren Mussolini und Hitler, die den Zweiten Weltkrieg verursacht haben.
Besorgniserregend ist vor allem die Tatsache, dass heute immer mehr junge Leute mit rassistischen, antidemokratischen und faschistoiden Parolen Stimmung machen (dürfen) und Anhänger finden. Wehret den Anfängen! Es braucht Wachsamkeit und Widerstand gegen jede Form des Wiederaufkeimens eines italienischen und deutschen Faschismus, die immer mehr sichtbar werden bei Verfolgung und Rassismus, konkret beim offenkundigen Ausgrenzen und Diskriminieren von Menschen.
Die Gefahr neuer Diskriminierung ist in den letzten Jahren sprunghaft gewachsen, vor allem durch Ausbeutung und Ausgrenzung von Migranten. Das fehlende Bemühen um Integration, das Abstempeln von Zuwanderern zu Menschen zweiter Klasse sind oft traurige Selbstverständlichkeit. Sie werden immer mehr zu Sündenböcken abgestempelt, so wie die Juden vor 80 Jahren.
Der heutige „Tag der Erinnerung“ mahnt auch dazu, neben dem Gedächtnis an den Judenmord auch die Gegenwart in den Blick zu nehmen. Diskriminierung und Wegsehen beginnen meist im Kleinen. Die Auswirkungen können verheerend sein.




