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	<title>Etappen eines politischen Lebens</title>
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	<description>Erinnerungen von Sepp Kusstatscher</description>
	<pubDate>Thu, 04 Jun 2009 12:30:35 +0000</pubDate>
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		<title>KAPITEL eins &#124; Warum schreibe ich ein Buch?</title>
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		<pubDate>Mon, 06 Apr 2009 21:42:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>

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		<description><![CDATA[Nie wäre es mir in den Sinn gekommen, eine Autobiographie zu schreiben. Als mich liebe Freunde ersuchten, im Stile meiner Blogs zum Brenner-Basistunnel ein Büchlein zu verfassen und dabei Autobiographisches einfließen zu lassen, habe ich sofort abgewinkt. Es war nicht nur eine Frage der Zeit, die das Verfassen von Texten verschlingt, es war viel mehr [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Nie wäre es mir in den Sinn gekommen, eine Autobiographie zu schreiben. Als mich liebe Freunde ersuchten, im Stile meiner Blogs zum Brenner-Basistunnel ein Büchlein zu verfassen und dabei Autobiographisches einfließen zu lassen, habe ich sofort abgewinkt. Es war nicht nur eine Frage der Zeit, die das Verfassen von Texten verschlingt, es war viel mehr eine klare Unlust, über mich selbst etwas zu publizieren. Ich begründete es etwas ironisch:</strong></p>
<ul class="unIndentedList">
<li><strong> Noch bin ich viel zu jung, um eine Autobiographie zu verfassen!</strong></li>
<li><strong> Politiker, die über sich selbst Bücher schreiben, betreiben Prostitution.</strong></li>
</ul>
<p>Allmählich habe ich mich doch weich klopfen lassen. Und es sind sogar zwei Bücher entstanden: ein Sachbuch zum Brenner-Basistunnel, das Jutta Kusstatscher in die Hand genommen hat und das bereits erschienen ist,  und dieses hier vorliegende Büchlein, das verschiedene Episoden aus meinem politischen Leben festhält. Es ist keine Biographie, es geht mehr um einige Etappen meines politischen Lebens und der BBT spielt nur mehr eine Nebenrolle.</p>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-43" title="buch-kap-1-sepp-im-zug2" src="http://www.kusstatscher.info/buch/wp-content/uploads/2009/04/buch-kap-1-sepp-im-zug2.jpg" alt="buch-kap-1-sepp-im-zug2" width="500" height="445" /><strong><br />
Ich lade Sie ein, mich auf ein paar Etappen meines politischen Lebens zu begleiten.</strong></p>
<p><span id="more-37"></span>Verwundert werden manche trotzdem sein, dass ich Geschichten aus meinem Leben publiziere. Ich empfinde zwar überhaupt nicht das Bedürfnis, Autobiographisches nieder zu schreiben. Trotzdem habe ich mich überzeugen lassen, dass das Bekanntmachen von verschiedenen Ereignissen und Umständen entlang meiner politischen Laufbahn den einen oder die andere interessieren könnte - auch um mehr über den Weg zu erfahren, der schließlich auch zu bestimmten politischen Positionien geführt hat.</p>
<p>Vielleicht können dadurch manche ermutigen werden, politisch aktiver zu werden. Vielleicht bekommen ein paar Leute mehr Lust auf Mitgestaltung im politischen Alltag in Südtirol. Vielleicht sind diese Geschichten eine kleine Hilfe gegen die häufige Behauptung, „dass man doch nichts tun könne&#8221;. Vielleicht bin ich auch imstande, ein bisschen Freude an politischem Engagement zu wecken und einen Ansporn zu geben wider die Resignation vor der Machtzementierung durch die Einheitspartei SVP, vor dem Provinzfürsten Luis Durnwalder und vor der Medienmacht Athesia.</p>
<p>Ich wäre sehr froh und hätte mein Ziel erreicht, wenn ich Rückmeldungen bekäme, dass sich einige mit mehr Zivilcourage in Belange der res publica einmischen und sich für eine gerechtere Mitwelt, für eine schönere Umwelt und für eine Nachwelt einsetzen, die zu mehr Hoffnung Anlass gibt.</p>
<p>Jenen gegenüber, die vielleicht meinen, ich sei von meinem Naturell her wie so viele Politiker exhibitionistisch, möchte ich beteuern, dass ich lieber im Hintergrund arbeite. Ich muss mich aufraffen, auf öffentlichen Bühnen zu stehen. Wer mich gut kennt, weiß, dass ich meine beruflichen und politischen Positionen eher durch Geschobenwerden erreicht habe, nicht durch Vordrängen, nicht mit dem Ellebogen und auch nicht durch eigene aufwändige Wahlkämpfe. Beispiele:</p>
<ul type="disc">
<li>1973 wurde ich gebeten, den      Vorsitz in der Südtiroler Hochschülerschaft zu übernehmen. Ich wäre gar      nicht auf die Idee gekommen.</li>
<li>Bauern von Villanders haben mich      im November 1974 ersucht, dass ich mich als Bürgermeister von Villanders      zur Verfügung stellen möge.</li>
<li>Auch beruflich:      Berufsschulinspektor Karl Kuppelwieser und Landesrat  Anton Zelger haben mich gebeten,  die Leitung der Berufsschule Brixen zu      übernehmen. Im Alter von bloß 33 Jahren hätte ich es mir selber gar nicht      zugetraut.</li>
<li>1985 hätte ich eine dritte      Amtsperiode als Bürgermeister anhängen sollen. Ich war der Meinung, dass      nach zehn Jahren ein Führungswechsel mir und der Gemeinde gut täte, und      habe nicht mehr kandidiert.</li>
<li>SVP-Arbeitnehmer-Vetreter haben      mich lange Zeit weich geklopft, bis ich im Februar 1988 mich bereit      erklärt habe, für den Landtag zu kandidieren.</li>
<li>Genau das Gleiche war 15 Jahre      später seitens der Grünen der Fall. So habe ich mich kurz vor den      Landtagswahlen 2003 auf die Liste der Grünen-Verdi-Verc setzen lassen.</li>
<li>Noch mehr überreden musste man      mich ein halbes Jahr später für eine Kandidatur bei den Wahlen zum      Europäischen Parlament.</li>
</ul>
<p>Dabei will ich nicht jene negativ bewerten, die ein bestimmtes Sendungsbewusstsein haben und die ein Mandat anstreben, um gesellschaftlich etwas bewegen zu können. Das halte ich durchaus für legitim.</p>
<p>Nur, meine Art war es nie. Wahrscheinlich hatte und habe ich zu wenig Selbstbewusstsein. Publicity mochte ich nie. Das können auch meine Mitarbeiter bestätigen, die oft darauf gedrängt haben und drängen, dass ich mich in den Medien öfter und besser „verkaufen&#8221; müsste.</p>
<p>Ich schreibe also über mich bzw. über Episoden aus meinem Leben, wenn meine Person hilfreich ist, um folgende Botschaft besser unter die Leute zu bringen: der Einsatz für eine ökosoziale Politik lohnt sich! Nur so - das muss ich ganz offen sagen - kann ich dieser amerikanischen Marketing-Methode bis zu einem bestimmten Maße zustimmen, auch wenn sie mir nicht gefällt.</p>
<p><strong>Widerspruch</strong>, Widersprechen, das mag eine typisch männliche Tugend oder auch Untugend sein. Mein bisheriges Leben war weder harmonisch noch linear. Die scholastische Philosophie hat auf der Suche nach Wahrheit die Methode von Spruch und Widerspruch gepriesen. Insofern ist der Brixner Bischof Nikolaus Cusanus für mich ein großes Vorbild, der die Formel der Coincidentia oppositorum seinem wissenschaftlichen Arbeiten zugrunde gelegt hat. Im Nachwort seines Buches De docte ignorantia schrieb Cusanus: All unsere geistige Anstrengung muss darauf gerichtet sein, die einfache Einheit zu erreichen, in der die Widersprüche zusammenfallen („ubi contradictoria coincidunt&#8221;).</p>
<p>Politisch formuliert: Vielfalt und Gegensätze sind das Normale. Gleichschritt ist immer gefährlich. Das ehrliche Ringen verschiedenster Gruppierungen um jeweils bessere Lösungen für die Res publica muss das Bestreben sein.</p>
<p class="MsoNormal"><span style="font-family:&quot;"> </span></p>
<p class="MsoNormal"><span style="font-family:&quot;"><span> </span></span></p>
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		<title>KAPITEL zwei &#124; Meinem Vater verdanke ich mein Interesse an der Politik</title>
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		<pubDate>Mon, 06 Apr 2009 21:40:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>

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		<description><![CDATA[Johann Kusstatscher, mein Vater, wurde 1890 auf Prackfied, einem hoch gelegenen Bauernhof in Villanders, geboren. Wesentlich geprägt wurde er durch ein sehr karges Leben und durch harte Schicksalsschläge.
Mitgeprägt hat ihn wohl auch in besonderer Weise der Erste Weltkrieg, an dem er als Zugführer im 4. Kaiserjäger-Regiment in Lwiw (Lemberg in Galizien) teilgenommen hat. Dabei wurde [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Johann Kusstatscher, mein Vater, wurde 1890 auf Prackfied, einem hoch gelegenen Bauernhof in Villanders, geboren. Wesentlich geprägt wurde er durch ein sehr karges Leben und durch harte Schicksalsschläge.</strong></p>
<p>Mitgeprägt hat ihn wohl auch in besonderer Weise der Erste Weltkrieg, an dem er als Zugführer im 4. Kaiserjäger-Regiment in Lwiw (Lemberg in Galizien) teilgenommen hat. Dabei wurde er im Kampf für die k.u.k.-Monarchie gegen das zaristische Russland mit der Goldenen Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet und kehrte bereits 1915 schwer verwundet heim. Zuvor hatte er seinen dreijährigen Militärdienst im Trentino gemacht, d.h. in Welschtirol bzw. im ursprünglichen Südtirol. Auch im Alter sprach er immer noch von Deutschmetz, Welschmetz, von Rofereit und Folgereit statt von Mezzocorona, Mezzolombarda, Rovereto und Folgaria.</p>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-46" title="buch-kap-2" src="http://www.kusstatscher.info/buch/wp-content/uploads/2009/04/buch-kap-2-vater-mit-anna-und-luis-kleiner-ausschnitt-600-px.jpg" alt="buch-kap-2" width="500" height="288" /><strong><br />
Bruder Luis und Schwester Anna &#8220;bedienen&#8221; meinen Vater - zur Gaudi aller Beteiligten</strong></p>
<p><span id="more-35"></span>Als Kriegsinvalide pachtete er ab 1918 den Pflegerhof, den er 1936 vom Grafen Dietrich von Wolkenstein-Trostburg abkaufte. Mit seiner zweiten Frau, der 23 Jahre jüngeren Katharina Untermarzoner vom Sturmhof in Villanders, die er im Alter von 50 Jahren heiratete, hatte er zehn Kinder. Ich war der siebte. Eine zehnköpfige Familie war damals Normalität in bäuerlichen Familien.</p>
<p>Als ich 1947 auf die Welt kam, hatte mein Vater schon das Alter eines Großvaters. So bekam ich vieles von seinem nicht einfachen Leben nur durch Hörensagen mit. Ich war knapp 22 Jahre alt, als mein Vater starb. Später hätte ich oft noch gerne meinen Vater über zeitgeschichtliche Dinge befragt. Da war es zu spät.</p>
<p>Als ich ihn einmal bei einer Wanderung zum Latzfonser Kreuz fragte, warum er im Vergleich zu anderen Kriegsheimkehrern so wenig über die Weltkriege erzähle, da meinte er: Es reden meist eh nur jene, die nicht viel „mitgemacht&#8221; haben. Es sei sehr schwer, jenen etwas klar zu machen, die den Krieg nicht persönlich erlebt haben. Und den anderen, die selbst an der Front waren, denen brauche man nichts erzählen.</p>
<p>Mein Vater war Mitglied im Gemeinderat Villanders, schon bevor die Faschisten die gewählten Gemeinderäte von Südtirol 1926 aufgelöst haben, und er war dann sofort nach dem Zweiten Weltkrieg wieder dabei, als die Alliierten ihre Vertrauensleute als Gemeindeverwalter eingesetzt haben. Auch stellte er sich 1953 den ersten Wahlen zum Gemeinderat und war eine Verwaltungsperiode lang im Gemeindeausschuss.</p>
<p>Bei der unseligen Option 1939 war er wie viele andere zwischen Hitler-Deutschland und Mussolini-Italien hin- und hergerissen. Er entschied sich schlussendlich für&#8217;s Dableiben, was ihn bei vielen „Deutschnationalen&#8221; ins Abseits stellte, auch noch später trotz seiner Aktivitäten bei Bauernbund, Schützen und SVP. In vielen Vereinen und Organisationen auf Ortsebene und z.T. auch auf Landesebene war er im Nachkriegs-Südtirol aktiv dabei. Oft wurde er um Rat gefragt. Er war wenig daheim. Als Kriegsinvalide stellte er immer einen guten Knecht an, war als Viehhändler viel unterwegs und hatte häufig in Bozen zu tun.</p>
<p>Für uns war unklar, was es in Bozen zu tun gab. Uns schien es aber immer sehr wichtig zu sein. Hatte jemand mit einer Wasserkonzession Probleme, ging es um eine Hinterbliebenen- oder Kriegsrente, um eine verzwickte Situation im Katasteramt oder bei der Forstbehörde, um eine Vormundschaft oder um die Schlichtung eines Streites, da kam man häufig zum Pfleger. Mit einem Stück Speck und einer Flasche schwarz gebrannten Schnapses im Rucksack pilgerte der Vater oft nach Bozen. Damit wurden die italienischen Beamten vielfach günstig gestimmt. Heute würde man dies Bestechung nennen. Damals waren es Gefälligkeiten.</p>
<p>Daheim auf unserem Bauernhof kam oft Besuch, was für uns Kinder immer eine willkommene Abwechslung zum eintönigen Alltag war. Es waren nicht nur andere Bauern der Umgebung oder Viehhändler oder Gäste aus Dreikirchen, die den spätromanischen Ansitz Pradell auf dem Weg nach Villanders entdeckt hatten, auch hohe Vertreter aus Politik und Kirche kamen zum Pfleger auf Besuch. Ich erinnere mich beispielsweise an Gespräche mit dem ehemaligen Abgeordneten Eduard Reut-Nicolussi, mit Friedl Volgger, mit Prof. Lorenz Böhler, mit Graf Dietrich von Wolkenstein-Trostburg oder mit dem Trientner Theologieprofessor Georg von Hepperger. Bei den Gesprächen neben einer guten Speckmarende durften wir Kinder, wenn wir ganz ruhig waren, in würdiger Distanz neben dem Stubenofen sitzend mithören, obwohl wir meist recht wenig bis nichts verstanden haben.</p>
<p>Ich habe in meiner Kindheit sehr gerne gezeichnet und gemalt. Mit elf Jahren wurde ich bei einem Malwettbewerb des Radiosenders der RAI Bozen für eine aquarellierte Zeichnung prämiert. So durfte ich mit meinem Vater nach Bozen fahren, den Preis abzuholen. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich meinen Vater am Obstmarkt in Bozen verwundert gefragt habe: „Kennt Ös olle Lait do?&#8221; (1)</p>
<p>Denn er blieb auf der Straße und unter den Lauben immer wieder stehen, zog mit der linken Hand seinen großen schwarzen Hut, grüßte mit kräftigem Händedruck laufend Leute und wechselte kurz ein paar Worte. Beim Verabschieden pflegte er zu sagen: „Pfiati!&#8221; oder „Pfiat enk!&#8221; und fügte hinzu: „Zeit loudn!&#8221;(2)</p>
<p>Unser Vater war sehr wertkonservativ, religiös  und konsequent in Wort und Tat. Ein Blick oder ein Wort genügten und wir Kinder wussten, was und wie es zu tun war. Gerechtigkeit und Worthalten waren für ihn sehr hohe Tugenden. Bettler bekamen immer etwas zum Essen und bei Bedarf gab es auch jederzeit ein Nachtquartier. Ein besonderes Anliegen war meinem Vater das in den Nachkriegsjahren eingeführte Schulpatronat, durch welches die Finanzierung von Schulbüchern und später die Schulausspeisung für ärmere Schüler besorgt wurde.</p>
<p>Öfters höre ich noch ältere Frauen schwärmen vom alten schneidigen Pfleger. Mit seiner großen Statur und seiner Respekt einflößenden Art soll er Frauen besonders imponiert haben. Und wie war&#8217;s mit den Frauen bei ihm? Ich weiß sehr wenig. Solche Themen waren bei uns zuhause gänzlich Tabu.</p>
<p>Das Verhältnis des Vaters zur Besatzungsmacht Italien war pragmatisch, sicher nicht fanatisch. Jemand, der wie er als weitgehend unkritischer Untertan in der Habsburger Monarchie aufgewachsen ist und als Kaiserjäger „gedient&#8221; hatte, so einer hat die Annexion Südtirols durch Italien sehr schwer verkraftet. Für ihn war es besonders schlimm, als der gewählte Gemeinderat von den Faschisten abgesetzt wurde, ein Podestà die Amtsgeschäfte in der Gemeinde übernahm und er im Meldeamt der Gemeinde von Amts wegen den Namen Giovanni erhalten hat. So war auch die Entscheidung bei der Option 1939 eine schwere Gewissensfrage. Trotz allem habe ich ihn nie pauschal auf die Walschen schimpfen gehört. Er hat uns auch immer angehalten, beim Italienischunterricht in der Schule mitzumachen. Das hat zwar wenig gefruchtet, weil der Unterricht in der Volksschule damals wirklich miserabel war. Die provinzfremden Italienischlehrerinnen kannten nicht nur unseren Dialekt und die deutsche Hochsprache nicht, sie hatten auch nicht die geringste Ahnung vom Leben in einem Südtiroler Bergbauerndorf.</p>
<p>1947 wurde mein Vater drei Tage lang eingesperrt, weil er zu einem arroganten Carabiniere am Bahnhof Brenner „Stupido Carabiniere!&#8221; gesagt hatte. Bei einem Schnellverfahren hat ihn ein italienischer Richter in Sterzing frei gesprochen und den Carabiniere, der sich arrogant aufgeführt und somit das Schimpfwort verdient haben soll, aufgefordert, sich meinem Vater gegenüber zu entschuldigen, wohl auch deshalb, weil das Auftreten und die Schilderung meines Vaters über das Verhalten des Polizeibeamten sehr glaubwürdig schien, obwohl er sich auf Italienisch eher schlecht als recht ausdrücken konnte.</p>
<p>Bei uns zu Hause war einfachstes Leben und hartes Sparen Normalität. Als ich den Wunsch hatte, „studieren zu gehen&#8221; (ich war zunächst der einzige von den acht noch lebenden Geschwistern, der eine Oberschule besuchen durfte), hatte ich nur beim Vater Verständnis, weniger bei der Mutter, kaum bei den Geschwistern.</p>
<p>Ein Jahr vor meiner Matura hatte ich den Wunsch nach dem Buch „Südtirol - eine Frage des europäischen Gewissens&#8221;, herausgegeben vom Innsbrucker Historiker Franz Huter. Es war aber zu teuer. Als ein gut Bekannter aus Deutschland bei uns auf Besuch war und dabei das Gespräch auf das damals natürlich hoch aktuelle Thema der Sprengstoffanschläge in Südtirol kam, machte mein Vater den Hinweis, dass ich gerne dieses Buch von Franz Huter kaufen möchte. Dieser deutsche Gast spendierte mir großzügig das Geld zum Kauf des Buches. Ich habe das rund 600 Seiten starke Buch mehr gefressen als gelesen. Durch diese Lektüre wurde in mir das besondere Interesse an der Zeitgeschichte Südtirols und an Politik geweckt.</p>
<p>Unser Vater war kein gewöhnlicher Bergbauer, der außer auf den Markt nach Klausen und zum Zahnarzt nach Brixen oder Bozen nirgends hingekommen wäre. Er war öfters in München, er war in Verona und Mailand und er kannte als Viehhändler die meisten Bauernhöfe im Sarntal sowie zwischen Bozen und Innsbruck und hinauf bis Landeck.  Auch ist er im März 1938 eigens nach Innsbruck gefahren, um selbst den triumphalen Einzug Hitlers dort zu erleben. Diese Verherrlichung des Despoten Hitler wirkte auf ihn sehr abstoßend. Hitler hätte sich dabei „wie ein Herrgott&#8221; aufgeführt und feiern lassen. Öfters habe ich von meinem Vater gehört, dass durch diese Erfahrung in Innsbruck es für ihn ein Jahr hernach viel leichter gewesen sei, die billige Propaganda für die Option nach Großdeutschland zu durchschauen.</p>
<p>Eine Information muss ich als Grüner noch nachschieben. Ein Hof mit traditioneller Wirtschaftsform war im Grunde ein geschlossenes Öko- und Wirtschafts-System. Mein Vater hat penibel darüber gewacht, dass alles rundherum, Hofstelle, Felder und Äcker, sorgfältig gepflegt wurden. Abfälle gab es damals fast gar keine. Die Speiseabfälle bekamen die Schweine als Futter. Verrottbares kam auf die Mistlege und wurde mitsamt dem Stallmist dringend für die Düngung der Äcker und Wiesen gebraucht. Die Düngung erfolgte aber immer erst, wenn alles bestens verrottet war. Gut und problemlos Verbrennbares kam in den Holzherd oder in den Stubenofen. Die wenigen Flaschen und Gläser wurden sorgfältig aufbewahrt, weil man sie zum Abfüllen von Wein, Schnaps, Säften oder Marmeladen dringend benötigt hat. Und ist einmal eine Flasche kaputt gegangen, was eine halbe Katastrophe war, oder gab es einmal eine nicht mehr verwendbare Blechdose, dies alles wurde sorgfältig zerkleinert und in einer Geröllhalde am Rande unserer Felder tief eingegraben. Jeden Samstagnachmittag mussten die Dienstboten und später wir Kinder mithelfen, rund um das Gehöft alles sauber zu machen. Sogar der Kuhmist wurde sorgfältig und wie am Schnürchen ausgerichtet schön senkrecht aufgestockt. Wegwerfen war ein Fremdwort.</p>
<hr size="1" />(1) „Kennt ihr alle Leute hier?&#8221; Wir redeten unsere Eltern und ältere Leute im Ort immer mit „Ös&#8221; (= Ihr) an. Die Du-Form wurde bei Gleichaltrigen angewandt, die Sie-Form nur beim Pfarrer, bei Lehrpersonen und bei den „Hearischen&#8221; (Herrischen), d.h. bei unbekannten Leuten von auswärts.</p>
<p>(2) &#8220;Zeit lassen!&#8221; Das war eine Wunschformel meines Vaters in einer Zeit, als es in der bäuerlichen Welt noch kaum Hektik gab.</p>
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		<item>
		<title>KAPITEL drei &#124; Mobilität - zunächst nur zu Fuß</title>
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		<pubDate>Mon, 06 Apr 2009 21:38:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>

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Sehr spät erst soll ich gehen gelernt haben. Aber sobald ich laufen konnte, von da ab war ich sehr viel zu Fuß unterwegs, im Sommer barfüßig und im Winter in Holzknospen, die unser Nachbar angefertigt hatte. Schon im Vorschulalter war es selbstverständlich, dass wir auch längere Wege wie beispielsweise jenen auf die Alm zu [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Sehr spät erst soll ich gehen gelernt haben. Aber sobald ich laufen konnte, von da ab war ich sehr viel zu Fuß unterwegs, im Sommer barfüßig und im Winter in Holzknospen, die unser Nachbar angefertigt hatte. Schon im Vorschulalter war es selbstverständlich, dass wir auch längere Wege wie beispielsweise jenen auf die Alm zu Fuß zurückgelegt haben. Das sind immerhin 800 Höhenmeter und rund sieben Kilometer langer Weg.</strong></p>
<p>Ich habe als Oberschüler öfters sehr lange Wegstrecken bewältigt, beispielsweise bin ich mit 16 Jahren von Dorf Tirol an einem Tag nach Villanders gewandert, habe dabei grob geschätzt 3200 Höhenmeter bewältigt und ca. 50 km in knapp 12 Stunden zurückgelegt, die Pausen eingerechnet. Wir waren auch ohne Auto mobil.</p>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-53" title="buch-kap-3-sepp-vor-pfleg" src="http://www.kusstatscher.info/buch/wp-content/uploads/2009/04/buch-kap-3-sepp-vor-pfleg.jpg" alt="buch-kap-3-sepp-vor-pfleg" width="500" height="553" /><strong><br />
Das bin ich vor meinem Heimathaus, dem Ansitz Pfleg in Villanders</strong></p>
<p><span id="more-33"></span>Da Villanders erst in 60er Jahren eine Auto-Zufahrtsstraße bekommen hat, war das Zufußgehen selbstverständlich, auf einem Pferd reiten etwas Alltägliches und die wenigen, die sich im Tal unten  schon motorisiert fortbewegten, diese galten bei uns natürlich als sehr modern. Der Zug war das Fortbewegungsmittel für weitere Fahrten, beispielsweise nach Bozen, Brixen und Innsbruck.</p>
<p>Ich wohnte auf Pfleg, dem alten Ansitz Pradell der Grafen von Wolkenstein-Trostburg auf 1000 m Meereshöhe und machte stets mit größter Selbstverständlichkeit den Fußweg zum und vom Bahnhof in Klausen oder Waidbruck auf rund 500 m Meereshöhe. Auch der Weg über das Prackfiederer Jöchl (über 2000 m) hinüber ins benachbarte Sarntal war nichts Besonderes. Ich war als 14-15-Jähriger verwundert, als die Villanderer anfingen, mit dem Auto zum Schutzengelmarkt Anfang September nach Sarnthein zu fahren, anstatt zu Fuß übers Jöchl zu gehen. Dieser Fünfstundenmarsch über die Almen war für mich das Normalste, die Straße über Klausen und Bozen ins Sarntal, die mehr als doppelt so weit war, dieser Umweg schien mir fast absurd, auch wenn er in einem Viertel der Zeit zurückgelegt werden konnte.</p>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-52" title="buch-kap-x-sepp-mit-acht1" src="http://www.kusstatscher.info/buch/wp-content/uploads/2009/04/buch-kap-x-sepp-mit-acht1.jpg" alt="buch-kap-x-sepp-mit-acht1" width="500" height="538" /><strong><br />
Da war ich gerada mal acht Jahre alt</strong></p>
<p>Persönlich weiß ich von den Auseinandersetzungen rund um den Bau der Brennerautobahn in den 60er Jahren nur mehr vom Erzählen. An die ewige Großbaustelle, daran erinnere ich mich noch gut. War ja gerade der Abschnitt bei Klausen das letzte Teilstück der großen Autobahnverbindung zwischen Norddeutschland und Süditalien, das erst Anfang der 70er Jahren fertig gestellt wurde. Es war jene Zeit, in welcher viele junge Südtiroler aus Arbeitsgründen nach Deutschland auswandern mussten. Die paar Südtiroler, die bei italienischen Autobahn-Baufirmen eine Arbeit gefunden haben, waren glücklich. Ich hatte einen Schwager, der das Schusterhandwerk erlernt hatte, davon aber nicht mehr davon leben konnte und somit froh war, als Hilfsarbeiter bei der Autobahn mitarbeiten zu dürfen.</p>
<p><strong>Zunehmende Automobilität<br />
</strong>Die Eröffnung des Autobahn bedeutete für uns einen großen Fortschritt. Die Touristen aus dem Norden, die aufgrund des Wirtschaftswunders immer öfter nach Italien und auch nach Südtirol auf Urlaub fuhren, hatten immer mehr die Straßen verstopft. In Waidbruck, an der Einfahrt über die enge von den Faschisten erbaute Beton-Bogenbrücke ins Grödental, da staute sich der Verkehr im Hochsommer oft weit zurück. Verkehr war Wirtschaft, Verkehr war Leben, Verkehr war Fortschritt.</p>
<p>Die Autobahnplaner hatten Anfang der 60er Jahre vorgesehen, dass das schwierige Teilstück der Autobahn östlich von Klausen im Tunnel verlaufen sollte. Dagegen gab es aber prompt Proteste, angeführt vom Klausner Bürgermeister Anton Scheidle. Durch einen Tunnel, nein, dann sehen die vorbeifahrenden Fremden doch nicht unser schönes Tal! Man war in Klausen der festen Ansicht, dass die vorbeifahrenden Touristen Klausen von der Autobahn aus sehen musste, um zur Ausfahrt und hoffentlich auch zum Aufenthalt animiert zu werden.</p>
<p>Ich selber war auch ein starker Befürworter der Segnungen des wachsenden Verkehrs. Ich erinnere mich noch gut, als Mitte der 50er Jahre die Brüder Hans und Luis Hofer mit einem Jeep über den alten und engen Pflasterweg als erste mit einem motorisierten Fahrzeug nach Villanders kamen. Damals fuhren die ersten schmalen Traktoren auf den alten Karrenwegen, die talseitig nur von schwachen Trockenmauern gestützt waren, von Klausen herauf und brachten Baumaterialien und Lebensmittel ins Dorf und transportierten Holz ins Tal. Dadurch wurden die drei Materialseilbahnen unrentabel, die vorher neben den alten Pferde- und Ochsengespannen ein paar Jahrzehnte lang für die Warentransporte von und nach Villanders dienten. Lebensmittel wurden bis vor 50 Jahren nur sehr wenig „importiert&#8221;. Man hatte ja alles bzw. man begnügte sich mit dem im Ort wachsenden Getreide, mit Kartoffeln, Gemüse und Obst  und mit dem, was die Viehwirtschaft an Lebensmitteln und Erzeugnissen bot. Der Bauer war um 1960 weitgehend noch autark. Außer Salz, Zucker und Gewürzen mussten nur wenig Lebensmittel eingekauft werden. Drei kleine Gemischtwarenläden versorgten die 1500 Einwohner mit allem Lebensnotwendigen, einer davon hatte selbst eine der Materialseilbahnen, die anderen beiden trugen das meiste im Korb von Klausen herauf.</p>
<p>Als ich mit 27 Jahren Bürgermeister von Villanders wurde, sah ich mich vordergründig mit dem Problem der schlechten Zufahrtswege konfrontiert. Rund 70 % der Hofstellen waren nicht „erschlossen&#8221;. Als erschlossen galt ein Haus, wenn es ganzjährig zumindest mit einem kleinen motorisierten Transportfahrzeug erreichbar was.</p>
<p>Als ich dran ging, Hoferschließungswege planen zu lassen, die Straße bis zu den höchst gelegenen Bauernhöfen auszubauen, wurde ich heftig von „Mister X&#8221; in der Tageszeitung Dolomiten als Landschaftszerstörer kritisiert. Die 80-jährigen Schwestern Settari, gut befreundete Frauen unserer Familie aus Bozen, die im Sommer immer in Dreikirchen waren, luden mich besorgt zu einem Gespräch ein, als Bagger auffuhren und für die Zufahrtsstraße von Sauders eine „Schneise der Verwüstung&#8221; in die schöne Kulturlandschaft schnitten. Diese Bauarbeiten konnte man von Dreikirchen aus gut sehen.</p>
<p>Ich versuchte mit Leserbriefen dem ominösen „Mister X&#8221; - Josef Rampold - und in beschwichtigenden Gesprächen Frau Luise Riccabona und Frau Pia Lanzinger in Dreikirchen zu erklären, dass eine bäuerliche Familie auf einem Hof ohne eine ordentliche Zufahrt nicht wirtschaften und auf die Dauer nicht leben könne.</p>
<p>Zehneinhalb Jahre lang (Dez. 1974 bis Juni 1985) war ich Bürgermeister in Villanders. In dieser Zeit erhielten alle Weiler und fast alle Einzelgehöfte eine Zufahrt und einen Trinkwasseranschluss. Um diese Erschließungen mit Straßen und Wasser in der Streusiedlung Villanders voranzubringen, habe ich das Bodenverbesserungskonsortium Villanders gegründet und sehr viele öffentliche Geldmittel aus dem immer dicker werdenden Säckel der Landesverwaltung locker zu machen versucht.</p>
<p><strong>Erst spät erkannte ich Verkehr als Problem und Umweltschutz als Zukunftsfrage</strong><br />
Als ich bei den Landtagswahlen im Herbst 1988 für die Gruppe der Arbeitnehmer in der SVP antrat, waren nicht umwelt- oder verkehrspolitische Themen meine Schwerpunkte, sondern sozial- und bildungspolitische.</p>
<p>Wir waren ab 1988 zu sechst als Arbeitnehmer-Vertreter im Landtag vertreten: Rosa Franzelin, Erich Achmüller, Hubert Frasnelli, Robert Kaserer, Otto Saurer und ich. Als ich Vorsitzender der Gruppe der Arbeitnehmer innerhalb der Südtiroler Volkspartei wurde, haben wir sechs Landtagsabgeordnete untereinander die politischen Schwerpunkte aufgeteilt. Verkehr wollte niemand übernehmen. Als Eisacktaler blieb das Thema bei mir hängen.</p>
<p>Vorher kannte ich Verkehrsthemen, wie z.B. die Frage, ob ein Eisenbahn-Scheiteltunnel oder ein Basistunnel unter dem Brenner gebaut werden soll, ob also ein Tunnel von Matrei nach Sterzing oder einer von Innsbruck nach Brixen gebaut werden soll, solche Fragen und Diskussionen kannte ich nur vom Zeitungslesen her. Ich hielt es damals zunächst noch fast mit dem Landeshauptmann Wallnöfer von Tirol, der auf der ersten Sitzung der gemeinsamen Landtage von Tirol und Südtirol gesagt haben soll, dass Tirol nun bald ganz vereint sei, nachdem die Brenner-Atuobahn fertig gebaut sei und nur noch eine Straße über das Pfitscherjoch sowie der Ausbau der Straßen über das Timmelsjoch und über den Stallersattel notwendig sei&#8230;</p>
<p>„Verkehr ist Leben!&#8221;, so lautete der allgemeine Tenor.</p>
<p>Ein &#8220;verkehrskritisches&#8221; Schlüsselerlebnis hatte ich zwar schon viel früher. 1970 hatte ich einen Ferienjob in Kanada. Ich war Tabakernte-Helfer bei einem polnischen Farmer in Ontario. Mir verging Hören und Sehen, als ich sah, wie rasant die Stadt Toronto wuchs und wie chaotisch dort der Verkehr verlief. Als ich auf der Rückfahrt von Kanada vom Greyhound aus in den Morgenstunden vor New York sah, dass mehrere parallel verlaufende Autobahnen hoffnungslos verstopft waren und alle Autos nur im Schritttempo voran kamen, da wurde mir angst und bange. Soll die Zukunft der Welt so ausschauen? Ist das Fortschritt?</p>
<p><strong>Beginn der Diskussion um den Brenner-Basistunnel (BBT)<br />
</strong>Als ich 1988 in der Runde der SVP-Arbeitnehmer nachfragte, ob jemand Unterlagen zum Brenner-Basistunnel hätte, gab mir Rosa Franzelin ein Paket von Papieren über die Trassenwahl für den BBT.</p>
<p>Zunächst gab es eine lange Diskussion (vor allem nach den Lawinenabgängen zu Ostern 1976), ob nur der Brennerpass untertunnelt werden soll (Verlegung der bestehenden Bahn in einen „Scheiteltunnel&#8221; von Matrei nach Sterzing). Gleichzeitig gab es Befürworter für eine große Lösung: Innsbruck - Brixen! Da war noch die Rede von einem großen Bahnhof bei Albeins, der südliche Tunnelausgang war hinter Neustift (also auf gleicher Meereshöhe wie Innsbruck) vorgesehen. Eine Schleife bei Freienfeld, vor allem um die Zollabfertigung zwischen Österreich und Italien gewährleisten zu können, schien unabdingbar. Aber alles war noch recht vage.</p>
<p>In den 80er Jahren wurden Routen-Varianten östlich und westlich des Brenners untersucht. Einerseits gab es einen Vorschlag ausgehend von der Gegend um Wörgl unter die Zillertaler Alpen hindurch nach Schabs. Es gab auch einen Vorschlag von München über Mittenwald nach Zirl und unter die Ötztaler Alpen hindurch ins Passeiertal über Meran nach Bozen. Es gab auch Studien, die den kürzesten Weg von München nach Mailand unter dem Ortler hindurch nach Bergamo und Mailand bzw. noch weiter westlich durch die Schweiz vorgeschlagen haben.</p>
<p>Obwohl die Geologen dringend von der Brenner-Linie abgeraten hatten (vor allem das Geologische Institut Innsbruck, wegen der geologisch sehr unstabilen Bruchstellen östlich vom Brenner und wegen der schwierigen Kontaktzone zwischen der Afrikanischen und der Europäischen Kontinentalplatte, die bei Mauls aufeinander stoßen), hat man sich für die Brenner-Variante entschieden, allerdings auch mit einem durchaus schlüssigen Argument. Es war nämlich von Anfang an klar, dass die alte Bahntrasse beibehalten werden soll. So argumentierte man, dass eine möglichst parallel verlaufende neue schnelle Strecke sinnvoll sei, um während des Baus und später bei Problemen während des Betriebes Verkehre besser von einer Bahn auf die andere umleiten zu können.</p>
<p>Für mich war zunächst einleuchtend, dass eine neue zusätzliche unterirdische Bahn sinnvoll sei. Da könnte man unterirdisch und somit ohne Lärm und Abgase und wegen des geringen Höhenunterschiedes auch energieeffizient viele zusätzliche Waren transportieren. Wenn uns diesen Bau die Staaten Italien und Österreich mit Hilfe der EWG bzw. der EG finanzieren, dachte ich mir, da müssten wir als Anrainer doch froh sein und ja sagen&#8230;</p>
<p>Die Finanzierbarkeit war zunächst überhaupt kein Thema. Es war ja noch überall Goldgräberstimmung. Die Wirtschaft wuchs. Geld spielte kaum keine Rolle.</p>
<p>Zu jener Zeit waren Sozial- und Bildungspolitik immer noch meine Hauptschwerpunkte im Landessozialausschuss und im Landtag. Ich bemühte mich um bessere Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften, vor allem mit den drei „Konföderierten&#8221;. Bildungspolitisch beschäftigte ich mich mit Berufsschul- und Hochschulbildung. Das kam es fast zwangsläufig dazu, dass ich die bei der Haushaltsdebatte im Februar 1990 die Frage einer Universität für Südtirol stellte und damit eine hitzige Diskussion lostrat.</p>
<p>Ich war damals auch Mitglied in der Dritten Gesetzgebungskommission, die für Wirtschaft, Haushalt und auch für Verkehr zuständig ist. Vorsitzender war Oskar Peterlini. Dieser fragte nach Vorschlägen für eine Studienreise. Ich regte eine Besichtigung an den Eurotunnel-Baustellen am Ärmelkanal an.</p>
<p>Mir schien, dass wir daraus einiges in Vorbereitung auf den BBT lernen könnten.</p>
<p>Der Vorschlag wurde aufgegriffen, die Studienfahrt durchgeführt. Für mich der Beginn eines tief greifenden Umdenkprozess.</p>
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		<title>KAPITEL vier &#124; Umdenken am Ärmelkanal</title>
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		<pubDate>Mon, 06 Apr 2009 21:36:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>

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		<description><![CDATA[Der ehemalige Landesrat Luis Kofler hat mir in einem privaten Gespräch im Jänner oder Februar 1991 erzählt, dass die Baustelle für den Euro-Tunnel am Ärmelkanal für ihn sehr ernüchternd gewesen sei. Er machte auch einen Vergleich mit dem Seikan-Tunnel, einem ähnlich langen Eisenbahntunnel in Japan. Er zweifelte sehr stark an der Sinnhaftigkeit dieser Großprojekte. Von [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Der ehemalige Landesrat Luis Kofler hat mir in einem privaten Gespräch im Jänner oder Februar 1991 erzählt, dass die Baustelle für den Euro-Tunnel am Ärmelkanal für ihn sehr ernüchternd gewesen sei. Er machte auch einen Vergleich mit dem Seikan-Tunnel, einem ähnlich langen Eisenbahntunnel in Japan. Er zweifelte sehr stark an der Sinnhaftigkeit dieser Großprojekte. Von ihm hörte ich das erste Mal den Vergleich mit einer „Kathedrale in der Wüste&#8221;. Es seien teure Bauwerke ohne richtige Einbindung in ein Verkehrsnetz, mit keinem oder nur mit geringem Nutzen aus verkehrspolitischer Sicht.</strong></p>
<p>1988/1989, das war die Zeit der Grundsatzentscheidung, nämlich darüber, wo eine neue alpenquerende Eisenbahn-Tansversale zwischen München und Verona verlaufen soll.  Die Entscheidung fiel für den Brenner, und zwar zu Gunsten eines „Basistunnels&#8221; von Innsbruck nach Franzensfeste (im Gegensatz zu einem in früheren Jahren diskutierten „Scheiteltunnel&#8221; zwischen Matrei und Sterzing). So wollten es 19 große Baufirmen aus Deutschland, Österreich und Italien, die in den 80er Jahren den Bau einer Hochgeschwindigkeitseisenbahn von Berlin nach Palermo vorgeschlagen hatten.</p>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-55" title="buch-kap-4-armelkanal-baustelle-bei-la-coquelle" src="http://www.kusstatscher.info/buch/wp-content/uploads/2009/04/buch-kap-4-armelkanal-baustelle-bei-la-coquelle.jpg" alt="buch-kap-4-armelkanal-baustelle-bei-la-coquelle" width="500" height="334" /><strong><br />
Die Baustelle für den Eurotunnel unter dem Ärmelkanal bei La Coquelle - dort begann mein Umdenken in Sachen BBT</strong></p>
<p><span id="more-30"></span>Wie im vorhergehenden Absatz beschrieben, regte ich als Mitglied der 3. Gesetzgebungskommission im Südtiroler Landtag beim damaligen Vorsitzenden Oskar Peterlini an, eine Erkundungsfahrt zur Baustelle am Ärmelkanal zu machen.</p>
<p>Ende Mai 1991 kam diese Studienfahrt zustande. Wir waren bei Besprechungen und Besichtigungen in London, an der Baustelle an beiden Seiten des Ärmelkanals und schließlich in Paris und fuhren auch mit dem französischen Hochgeschwindigkeitszug TGV.</p>
<p>Vor allem zwei Dinge haben mich beim Besuch der Baustellen am Ärmelkanal stark verunsichert und dann in mir ein Umdenken ausgelöst.</p>
<ol type="1">
<li>Die riesigen Baustellen in      Folkstone auf der englischen Seite des Ärmelkanals und in Coquelles auf      der französischen Seite mit insgesamt rund 15.000 Arbeitern! Diese      gewaltige Baumaßnahme war für uns Delegierte aus Südtirol mehr als      beeindruckend. Wir konnten uns so gewaltige Baustellen in unseren engen      Tälern kaum vorstellen.</li>
<li>Ein längeres Gespräch mit einem      der leitenden Ingenieure! Dieser aus Deutschland stammende Ingenieur meinte      zwar, dass er als Mitverantwortlicher für die Bauarbeiten nicht so kritisch      sein dürfte. Nur, rentabel würde dieser Tunnel unter dem Ärmelkanal nie      sein, noch viel weniger wäre es ein ähnlicher Tunnel unter dem Brenner in      den dünn besiedelten Alpen. Auch zweifle er an der Sinnhaftigkeit des      Mischverkehrs, d.h. dass auf der gleichen Strecke Güterzüge und      Hochgeschwindigkeitszüge für Personen gleichzeitig verkehren. Besonders      problematisch sei dies in langen Tunnels.</li>
</ol>
<p>Inzwischen wissen wir, dass dieser Euro-Tunnel unter dem Ärmelkanal zum Unterschied der großen Hoffnungen der Geldgeber, d.h. von weltweit agierenden Banken, defizitär betrieben wird, obwohl die Verbindung zwischen den beiden Metropolen Paris und London mit jeweils mehr als zehn Millionen einwohnern viel lukrativer sein müsste als eine Strecke zwischen München und Verona. Würde man die Preise so festlegen, wie es notwendig wäre, um die Kosten zu decken, dann würde der Transport so teuer sein, dass die Bahn noch weniger benützt würde, und macht man für die Bahnkunden attraktive Preise, dann könne man nie und nimmer kostendeckend oder gar gewinnbringend arbeiten.</p>
<p>Zum finanziellen Desaster des Eurotunnels unter dem Ärmelkanal nur so viel: Eine Aktie hatte 1989 einen Kurswert von umgerechnet 19,51 Euro, am 20. April 2007 schloss das Papier an der Pariser Börse mit 0,43 Euro. Der derzeitige Schuldenberg überschreitet 9 Milliarden Euro. Bis zur Herausgabe dieses Büchleins dürfte wohl die Betreibergesellschaft des Eurotunnels am Ärmelkanal schon Konkurs angemeldet haben.</p>
<p>Ich bin nach diesem Besuch am Ärmelkanal und mit den Informationen, die ich in London und Paris erhalten hatte, und ausgerüstet mit Dias über diese Baustelle am Ärmelkanal sowie mit Folien mit Grafiken, Karikaturen und Sprüchen durch viele Dörfer des Eisack- und Wipptales getingelt und habe vor diesem Bauvorhaben Brenner-Basistunnel gewarnt. Ich traf mich mit Umweltverbänden Nord- und Südtirols und veranstaltete Abende und Wochenendveranstaltungen, so z.B. unter anderem mit den Ingenieuren Karl Trojer und Georg Kauer, die sich auch für eine neue unterirdische Eisenbahn aussprachen, allerdings strikt gegen einen Mischverkehr, sondern nur für unbemannte Güterzüge (ATT-3).</p>
<p>Wenn ich meine Eintragungen in meinem Notizkalender und meine Sammlung der Zeitungsausschnitte Anfang der 90er Jahre durchschaue, dann staune ich, wie häufig man sich schon damals mit dem Bauvorhaben Brenner-Basistunnel befasst hat. Manche Fachleute beschwichtigten uns damals und meinten, dass dieser Bau noch ungewiss sei und in weiter Zukunft liege. Andere, so vor allem österreichische Verkehrspolitiker, taten so, als ob innerhalb kürzester Zeit mit den Bauarbeiten begonnen würde.</p>
<p>Eine Tagung, die ich fast im Alleingang organisiert habe, möchte ich besonders hervorheben. Zum Thema „Wie viele Alpentransversalen braucht Europa&#8221; habe ich über den „Arbeiter-, Freizeit- und Bildungsverein&#8221; von Bozen und finanziell unterstützt vom „Europäischen Zentrum für Arbeitnehmerfragen&#8221; von Königswinter eine internationale Tagung in Brixen (im Volksbildungsheim in Sarns vom 27. bis 29. Mai 1993) organisiert. Das Ergebnis der Tagung wurde in 15 Punkten als „Sarnser Forderungen&#8221; in mehreren Sprachen zusammengefasst und vielen politisch Verantwortlichen zugesandt. Diese Forderungen haben immer noch ihre Gültigkeit, z.B. jene Nr. 4: „Vor dem Bau neuer Alpentransversalen müssen die bestehenden verbessert und eventuell ausgebaut werden. Das sensible Ökosystem der Alpen erfordert Maßhalten beim Bau und Betrieb von Verkehrswegen.&#8221;</p>
<p>Die eigentlichen „Betreiber&#8221; für den BBT waren im Hintergrund die Ingenieure aus den Büros von Siegfried Unterberger von Meran, von Federico Pasquali von Bozen, von der Ingenieurgemeinschaft Lässer-Feizlmayr LFI von München bzw. Innsbruck und aus dem Büro der Brüder Gentilini von Trient. Diese Planungsbüros waren von den ersten Vorprojekten an bis heute bei den Ausführungsprojekten immer an den Planungen beteiligt, außer die Brüder Gentilini, die in den 90er Jahren im Sumpf der Tangentopoli versunken sind. Diese Projektanten blieben aber immer im Hintergrund, denn sie erhielten mit ihren Planungsaufträgen immer auch die Schweigepflicht.</p>
<p>Klar, die Planungsbüros studierten nur die Machbarkeit des Bauvorhabens. Die verkehrspolitische Notwendigkeit zu prüfen, dazu wurden sie ja nie beauftragt. Das wäre die Aufgabe der Politik. Diese Ingenieure wurden nicht einmal beauftragt, Alternativen zu prüfen, z.B. wie eine Reduzierung von Verkehren und Transporten erreicht werden könnte.</p>
<p>Ich benützte nach meiner „Bekehrung&#8221; am Ärmelkanal für meinen politischen Kampf gegen den BBT vor allem jenes Forum, in welchem ich seit Herbst 1988  als politischer Mandatar saß, nämlich den Südtiroler Landtag und die Südtiroler Volkspartei, deren Mitglied ich damals war.</p>
<p>Ich will hier einige Passagen aus meiner <strong>Philippika im Landtag vom 5. Februar 1992</strong> wiedergeben, auch deshalb, weil sich die Argumente in den letzten 15 Jahren kaum verändert haben.</p>
<p><em>„Ich habe sehr lange auch an das Dogma geglaubt, dass <span style="text-decoration: underline;">wir</span> in Südtirol eine zusätzliche Eisenbahn bräuchten. Wir brauchen keine! Wir haben mit den derzeitigen Verkehrsinfrastrukturen (eine schlecht funktionierende und nicht ausgelastete Eisenbahn, eine Autobahn sowie eine Staatsstraße) an der Brennerlinie für den regionalen Bedarf mehr als genug Verkehrswege. Die Brennerlinie ist die am stärksten befahrene Strecke der Alpen überhaupt. Es ist nicht einzusehen, dass genau hier noch einmal zusätzlich etwas gebaut werden soll.&#8221;</em></p>
<p>Als wichtigste Argumente habe ich bei dieser Rede im Landtag stichwortartig folgende acht Punkte angeführt<br />
(verkürzte Wiedergabe meiner Gesprächsunterlage):</p>
<p>1.    Zusätzliche Verkehrswege ziehen zusätzlichen Verkehr an (Vervierfachung des Zugverkehrs, nur kurzfrisitige Reduzierung des Verkehrs auf der Straße);<br />
- daher Bemühen um Verkehrsvermeidung (weg mit dem unnützen Verkehr, stärkere regionale Selbstversorgung, kürzeste Wege, Anwendung des Verursacherprinzips, sprich Verteuerung  des Fahrens und Transportierens&#8230;)<br />
- Die Ursachen beheben, nicht an den Folgen herumreparieren!&#8230;</p>
<p>2.    Bevor eine neue Eisenbahn gebaut wird, soll die derzeitige zum Funktionieren gebracht werden: echte Modernisierung, besseres Management, stillere Züge, attraktivere Bahnhöfe mit Parkplätzen usw.</p>
<p>3.    Wer braucht das Großprojekt? Zunächst die Planungsfirmen, die, wenn sie einmal richtig eingestiegen sind, für Jahrzehnte einen fetten Auftrag gesichert haben. Später die großen internationalen Baufirmen. Wahrscheinlich auch die Großbanken (vgl. Eurotunnel am Ärmelkanal). Möglicherweise auch Politiker&#8230; Aber der Tiroler Wirtschaftsraum, auch die Großregion zwischen München und Verona kann daran nicht interessiert sein, wenn eine volkswirtschaftliche Gesamtrechnung für diese Region gemacht würde.</p>
<p>4.    Falls das Ruhrgebiet und der Wirtschaftsraum um Stuttgart mit jenem der Lombardei verbunden werden soll, dann darf der Verkehr doch nicht über den Brenner umgeleitet werden (Umweg: über 300 km)&#8230;</p>
<p>5.    Was bedeutet das konkret: Zwei parallel verlaufende Eisenbahnen, eine davon für Hochgeschwindigkeitszüge in langen Tunnels, und die andere auf der Bestandsstrecke? Die Personenzüge (bloß 20 % der 400 geplanten Züge insgesamt) werden mit hohen Geschwindigkeiten unten durchfahren. Die langsamen Lastenzüge, die alten klapprigen, diese werden heroben bleiben und durch die engen Täler und durch die Wohngebiete poltern. Das wäre Unkultur! Man könne den Vergleich mit dem Stachus in München machen, sozusagen als Modell für die verkehrte Verkehrsphilosophie der alpenquerenden Eisenbahn: am Stachus ist der Fußgänger und die Verkäuferin in unterirdischen, künstlich beleuchteten und belüfteten Räumen, die Autos fahren heroben unter der Sonne in der frischen Luft. Will man dieses Modell auch für die neue Eisenbahn übernehmen, nur damit der Eisenbahnbenutzer von München nach Verona 30 oder 35 Minuten Zeit gewinnt? Was kosten diese wenigen Minuten, die dabei gewonnen werden? Wie viel Leute haben es wirklich so eilig? Und warum haben manche Personen es so eilig? Und: stehen die Nachteile, welche die Anrainer in Kauf nehmen müssten, in irgendeinem Verhältnis zu den Vorteilen?</p>
<p>6.    Zur Baustelle: Wer diese bagatellisiert, versteht nichts, oder ist ein Scharlatan&#8230;.</p>
<p>7.    Arbeitskräfte, Zuwanderung&#8230;</p>
<p>8.    Meine Rede im Landtag gegen den  Brennerbasistunnel habe ich wörtlich so abgeschlossen: <em>„Der Südtiroler Wirtschaftsring, Bezirk Pustertal, hat vor einigen Wochen den weltberühmten Philosophen und Nationalökonom Leopold Kohr  nach Bruneck zu einem Vortrag eingeladen. Prof. Kohr war Lehrstuhlinhaber an den Universitäten Mexiko City, in Cambridge und in Puerto Rico. Er gehört zu den bedeutendsten Gestaltern des 20.Jahrhunderts. Ich zitiere aus dem Wirtschaftskurier vom 8. Jänner 1991: „Prof. Kohr sagt, dass eines der größten Probleme unserer Zeit, dem wir nicht Herr werden können, Größe und Überwachstum ist. Das ist genau so Krebs im politischen und soziologischen Körper, wie es im biologischen Körper ist, wenn sich eine Zelle vergrößert. Es hat uns schon Newton gezeigt, dass alles unkontrollierbar wird, wenn es über eine gewisse Größe geht. Über eine gewisse Grenze wird das Wachstum zu einer Belastung.<br />
Seine Empfehlung ist Abkehr vom Lawinengeist der Größenverehrung und überall wieder zurückzukommen zu kleineren Dimensionen. Dies gilt besonders für den Wirtschaftsbereich&#8230; Dezentralisation und die Rückkehr zum kleinen Maß sind das Rezept, welches Prof. Kohr empfiehlt. Seine abschließenden Worte sollten uns zum Denken anregen: ‚Klein sein oder nicht sein, das ist die Frage unserer Zeit&#8217;.&#8221; </em><em> </em><em></em></p>
<p><em></em></p>
<p>Die Mitglieder im SVP-Berzirksausschuss Brixen mit dem damals neuen Bezirksobmann Siegfried Messner an der Spitze haben meine Meinung durchaus geteilt. Es hatten damals alle Gemeinden zwischen Karneid und Brenner einen von mir vorbereiteten Beschlussantrag genehmigt. Alle Gemeinden haben sich geschlossen gegen das Konzept des BBT und gegen das Stillschweigen rund um die Planungen ausgesprochen und verlangt, dass vor einer eventuellen Zusage durch die Landesregierung Garantien eingeholt werden müssen. Es müsste auf jedem Fall garantiert werden, dass durch den Bau des BBT die bestehenden Verkehrsbelastungen deutlich reduziert würden. Nur ein paar italienische Gemeinderäte in Brixen, Vahrn, Franzensfeste und Sterzing haben nicht für die Beschlussvorlage gestimmt, sonst haben fast alle Gemeinderatsmitglieder des Eisack- und Wipptals dem Antrag zugestimmt. Diese Beschlüsse der Gemeinden sind nie widerrufen worden und wären somit auch noch für die derzeitigen Gemeindeverwalter bindend.</p>
<p>Im Landtag und auf der SVP-Landesversammlung wurde 1995 ein Beschlussantrag bzw. eine Resolution verabschiedet, worin klar festgehalten wurde, dass die Landesregierung erst dann diesem Megaprojekt zustimmen dürfe, wenn eindeutig nachgewiesen und garantiert würde, dass die Vorteile für Südtirol größer seien als die Nachteile.</p>
<p>Im Rückspiegel betrachtet:</p>
<p>Ich empfinde mich alles eher als einen typischen Kämpfer, weder ehrgeizig, noch hartnäckig, noch prinzipiell oppositionell, auch wenn ich von manchen recht gerne in dieses Eck geschoben werde.</p>
<p>Seit dem Besuch am Ärmelkanal ließ mich die Überzeugung nicht mehr los,</p>
<p>dass es sich beim BBT um einen ganz simplen Lösungsvorschlag handelt, um ein sehr prestigeträchtiges Projekt für Planer und Bauunternehmer, mitgetragen von ehrgeizigen Politikern,  ein Großprojekt, das zum Dogma der Problemlösung gestylt wurde.</p>
<p>Techniker erhielten zunächst von Großbaufirmen den Auftrag, Vorschläge für Großprojekte zu unterbreiten. Das taten sie. Gutachten von den gleichen Leuten begründeten die Nützlichkeit und immer mehr die Notwendigkeit. Daneben baute man Dienste bei der Eisenbahn laufend ab. Man braucht ja nur an die Angebote der alten und immer älter werdenden Bahn zu denken: Rückgang des Güterverkehrs, Personalabbau, Verschlechterung der Informationsdienste, Schließung von Bahnhöfen und Schalterdiensten, Verlotterung der Bahnhofsareale, kein neues Rollmaterial, wenig Einsatz für Lärmschutz usw. Nur schöne Statistiken und viel PR!</p>
<p>Das Großprojekt Brenner-Basistunnel wurde als Allheilmittel, vor allem gegen den ausufernden Güterverkehr gepriesen. Die Politiker beriefen sich auf die Planer, die Planer auf die Politiker.</p>
<p>Dalai Lama hat einmal gesagt: „Was die Wissenschaft für wahr hält, verändert sich ständig.&#8221;</p>
<p>Es ist wohl eines der großen Probleme der Demokratie, dass Technik und Wissenschaft nicht unabhängig sind.</p>
<p>Man kann fast für alles und gegen alles Gutachten anfertigen lassen.</p>
<p>Wer Geld genug hat, kann schöne und teure Forschungsaufträge erteilen. Die „Goldene Regel der Wissenschaft&#8221; könnte man ironisch so definieren: „Wer das Gold hat, stellt die Regeln auf!&#8221;</p>
<p>Meine Abwahl im Herbst 1993 wurde von Durnwalder geradezu als Wähler-Entscheidung gegen meine kritische Haltung zum BBT interpretiert.</p>
<p>Wenn ich selber meine Wahlschlappe als Vorsitzender der Arbeitnehmer in der SVP bewerte, dann waren es mehrere Gründe, nicht die BBT-Diskussion, sondern:</p>
<p>- meine zu große persönliche Zurücknahme, um Sabina Kasslatter zu favorisieren</p>
<p>- die Atz-Zigeuner-Geschichte,</p>
<p>- und die Polemiken rundum den Freundeskreis zwischen SPD und SVP.</p>
<p>Die teilweise infame Dolomiten-Ebner-Kampagne 1993 gegen mich wurde wohl vor allem losgetreten, weil ich vorher in der Statutenkommission der SVP die Trennung von politischer und medialer Macht beantragt hatte.</p>
<p>Nach den Landtagswahlen von 1993 habe ich zwar noch innerhalb des „Transitforums Südtirol&#8221; (so haben wir uns in Anlehhnung an das TRASITFORUM Austria-Tirol bezeichnet) und in Zusammenarbeit mit Nordtiroler Transitgegnern wie Richard Hussl, Hebert Sickinger, Fritz Gurgiser und Gerhard Stürlinger, aus Südtiroler Seite vor allem mit Evi Keifl und Rudi Benedikter, mit SPD-Leuten aus Bayern, die in Villanders eine Tagung abgehalten haben usw., noch gar einiges unternommen.</p>
<p>Hauptsächlich aus folgenden zwei Gründen habe ich dann ab Mitte der 90er Jahre diesen Kampf aufgegeben:</p>
<p>- Ich fühlte mich dann immer mehr als „senza voce in capitolo&#8221;; ich hatte ja keine Funktionen mehr, die mich berechtigt hätten, die Stimme zu erheben&#8230;</p>
<p>- Ich ging mir selber auf die Nerven, weil ich immer nur die gleichen Argumente wiederholt habe und immer die gleichen Leute zu den Versammlungen kamen&#8230;</p>
<p>Auch hörte man ab der Mitte der 90er Jahre etwas weniger von diesem Großprojekt. Erst in den letzten fünf-sechs Jahren wurde wieder intensiver darum geworben und</p>
<p>Nach längerer Zeit, es müsste Anfang 2001 gewesen sein,  da haben die Schützen in der Cusanus-Akademie eine Großveranstaltung zum Thema BBT organisiert und auch mich mit auf das Podium eingeladen. Der Saal war gerammelt voll.</p>
<p>Der Bauer Rudolf Siller aus Mareit hat dabei gemeint:<br />
&#8220;Den Michl Gaißmair hobm sie derschlougn, den Andras Hofer hobm sie erschossn und ins wölln sie vergiften!&#8221;</p>
<p>Am 30. Mai 2001 hat der Gemeinderat von Villanders auf meinen Antrag hin einen Beschlussantrag einstimmig genehmigt:</p>
<p>„Bevor in Rom, Wien und Brüssel der Bau einer neuen Eisenbahn-Alpentransversale beschlossen wird, müssen genaue Garantien zur Reduzierung der Verkehrsbelastungen in den durchquerten Tälern abgegeben werden.</p>
<p>Wenn die internationalen Gremien wirklich beschließen sollten, entlang der Brennerlinie eine neue Hochleitungs-Eisenbahn zu errichten, muss vor deren Realisierung gründlich studiert werden, ob es nicht vorteilhafter wäre, die geplante unterirdische Bahn ausschließlich für den Güterverkehr vorzusehen und die derzeitige Bahn zu modernisieren und für den Personenverkehr zu reservieren und attraktiver zu gestalten.&#8221;</p>
<p>Die Diskussion um den BBT und die Zulaufstrecken wurde aber erst richtig losgetreten, als im heißen Sommer 2003 die Umweltverträglichkeitsprüfungen zum Vorprojekt BBT und zu den Streckenabschnitten Franzensfeste-Waidbruck und für die Umfahrung von Bozen durchgeführt worden war, die Unterlagen zur Einsicht freigegeben werden mussten und auf Druck von Bürgerinitiativen mehrere Informationsabende von Waidbruck bis nach Sterzing abgehalten wurden.</p>
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		<title>KAPITEL fünf &#124; Bauwütiger Bürgermeister</title>
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		<pubDate>Mon, 06 Apr 2009 21:35:38 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>

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		<description><![CDATA[Vom Dezember 1974 bis zum Juni 1985 war ich Bürgermeister von Villanders.
Die Art und Weise, wie ich zum Bürgermeister gewählt wurde, war allerdings nicht ganz koscher.
Bei den Gemeinderatswahlen im November 1974 hatte ich kandidiert und erhielt als Neuling am dritt- oder viertmeisten Vorzugsstimmen. So ganz genau weiß ich es nicht mehr. In Villanders hat sich [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Vom Dezember 1974 bis zum Juni 1985 war ich Bürgermeister von Villanders.</strong></p>
<p><strong>Die Art und Weise, wie ich zum Bürgermeister gewählt wurde, war allerdings nicht ganz koscher.</strong></p>
<p>Bei den Gemeinderatswahlen im November 1974 hatte ich kandidiert und erhielt als Neuling am dritt- oder viertmeisten Vorzugsstimmen. So ganz genau weiß ich es nicht mehr. In Villanders hat sich nur eine Liste, jene der Südtiroler Volkspartei (SVP), der Wahl gestellt. Ich habe als Parteiloser kandidiert und wurde erst später Mitglied der SVP. In den vorangegangenen 20 Jahren gab es auch immer nur eine einzige Liste in Villanders. Erst 1980 kandidierte auch eine parteiunabhängige Bürgerliste.</p>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-59" title="buch-kap-5-baustelle-am-villanderer-berg" src="http://www.kusstatscher.info/buch/wp-content/uploads/2009/04/buch-kap-5-baustelle-am-villanderer-berg.jpg" alt="buch-kap-5-baustelle-am-villanderer-berg" width="500" height="332" /><strong><br />
Straßenbau in Sauders/Villanders um 1980. Eine Streusiedlung in exponierter Hanglage mit einer Straße zu erschließen, ist immer delikat. Dabei wird notgedrungen ein alte Kulturlandschaft durchschnitten.<br />
</strong></p>
<p><span id="more-28"></span>Ich war mir bei der Kandidatur nicht sicher, ob ich als Mitglied des Gemeinderates fünf Jahre lang in Villanders bleiben würde. Meine Frau und ich hatten nämlich eine Zusage für ein interessantes Arbeitsangebot bei der Erwachsenenbildung in Nordtirol schon mehr oder weniger fix in der Tasche.</p>
<p>Einige Tage nach der Wahl haben mich ein paar Vertreter der Bauern, die als Gruppierung innerhalb der SVP-Liste im neuen Gemeinderat die absolute Mehrheit erreicht hatten, gefragt, ob ich bereit wäre, mich zum Bürgermeister wählen zu lassen. Es gab damals noch nicht die direkte Wahl der Bürgermeister durch das Wahlvolk, sondern der Bürgermeister und der Gemeindeausschuss wurden von den gewählten Ratsmitgliedern aus deren Mitte gewählt. Die Bauernvertreter wollten nach 18 Jahren Amtstätigkeit die Ablöse von Bürgermeister Hans Winkler. Sie meinten mir gegenüber, sie hätten zwar die absolute Mehrheit, aber keinen in ihrer Runde, der dem bisherigen Bürgermeister Paroli bieten könne. Mir würden sie es zutrauen. Nach zwei Tagen Bedenkzeit erklärte ich mich bereit, mich der Wahl als Bürgermeister zu stellen. Ich hatte in meiner Naivität nur eine Forderung, und zwar, dass die Bauern selbst Sorge tragen müssten, für mich die nötigen Stimmen zusammen zu bringen. Ich würde mir selbst keine Stimme geben. Wir haben bei dieser Geheimabsprache weder die Zusammensetzung des Ausschusses noch über Schwerpunkte des Programms geredet.</p>
<p>Am Barbaratag 1974 fand die konstituierende Sitzung des neu gewählten Gemeinderates in der alten Stube beim Peterwirt statt. Hans Winkler leitete als ältestes Ratsmitglied die Sitzung. Beim Tagesordnungspunkt „Wahl des Bürgermeisters&#8221; fragte er formal korrekt um Kandidatenvorschläge. Die Bauern, die mich um eine Kandidatur gefragt hatten, schwiegen. Ich wartete ab und sagte auch nichts. Ich wollte meine Bereitschaft nicht kundtun und wollte schon gar nicht mich nicht selbst vorschlagen. So erklärte Hans Winkler, dass er zum Weitermachen bereit sei, da sonst anscheinend ja niemand zur Verfügung stünde. Die Stimmzettel wurden verteilt. Beim Auszählen der Stimmen nach dem ersten Wahlgang ergab sich eine breite Streuung der Vorzugsstimmen und keine absolute Mehrheit für einen der 15 Gemeinderäte. So war ein zweiter Wahlgang notwendig. Dabei bekam ich neun Stimmen von 15 Anwesenden und war somit gewählt. Später erfuhr ich, dass die Bauern mir nicht auf Anhieb ihr Vertrauen aussprechen wollten, um mich ja nicht zu schnell stark werden zu lassen. Mich hat das politische Spielchen zunächst nicht besonders gestört.</p>
<p>Der Start war für mich als Neuling auf dem Bürgermeistersessel aber alles eher als leicht. Josef Runggatscher, Gemeindesekretär in Klausen, übte diese Funktion nebenbei auch in Villanders aus, wo er maximal einen Tag pro Woche Dienst tat. Er antwortete auf meine Fragen zu Gemeindeordnung, Finanzen, Urbanistik, Baurecht und anderen Themen meist ziemlich stereotyp: „Als Bürgermeister werden Sie wohl selbst Bescheid wissen&#8230;&#8221; Im Gemeindeamt gab es nur eine Beamtin, Sabina Flöss aus dem Gadertal. Sie schaltete und waltete dort schon seit 25 Jahren mit Rückendeckung des Gemeindesekretärs. Die Bauern ließen mich schwimmen. Der Haushaltsrahmen der Gemeinde war erbärmlich niedrig.</p>
<p>Nie in meinem Leben habe ich so intensiv gelernt wie in den ersten Monaten als Bürgermeister. Ich besuchte alle Tagungen, die der Gemeindenverband für neue Verwalter anbot. Ich studierte Gesetzestexte über Raumordnung, Gemeindefinanzen, Gemeindeordnung, Wohnbau usw. Ich bombardierte verschiedenste Landesbeamte mit unterschiedlichsten Fragen. Ich besorgte mir Informationen, wo immer ich konnte.</p>
<p>Man muss wissen, dass Villanders Mitte der 70er Jahre wohl eine der Gemeinden mit den schlechtesten Infrastrukturen in Südtirol war. Fast drei Viertel der knapp 200 weit verstreuten Höfe von 500 bis 1500 m Meereshöhe hatten keine Zufahrt, zumindest nicht eine solche, um auch im Winter mit einem motorisierten Fahrzeug Transporte durchführen zu können. Abgesehen von einigen hundert Metern öffentlicher Wasserleitung gab es keine öffentliche Trinkwasserversorgung, keine Kanalisierung und keine geregelte Müllabfuhr. Eine Reihe von entlegenen Häusern und Höfen war sogar noch ohne Stromanschluss, von Telefon war gar keine Rede&#8230; Es gab keine Bank und kein Postamt. 37 Familien im so genannten Oberland waren im Postverteilungsdienst nicht einmal vorgesehen. Es war üblich, dass die Post über die Volksschüler bei dem einen Briefträger, den es im Ort gab, abgeholt und ausgetragen wurde. In einem Kammerle beim Gassenschuster deponierte der Briefträger seine Post und nach Schulschluss am Nachmittag verteilte er diese, soweit Kinder zum Mitnehmen der Post bereit waren. Teilweise rauften die Kinder um die Post, weil sie beim Überbringen häufig mit ein paar Süßigkeiten oder mit einem sehr bescheidenen Trinkgeld belohnt wurden.</p>
<p>Mein Programm als Bürgermeister stand ohne lange Diskussionen und Konsultationen schon von Anfang an ziemlich klar fest: Bau von Zufahrtswegen, von Wasser- und Abwasserleitungen sowie bessere Versorgung des ganzen Gemeindegebietes mit Strom. Zusätzlich stand noch der Bau eines Vereinshauses mit einem großen Versammlungsraum auf meiner Prioritätenliste weit oben. Der Bau eines eigenen Gemeindehauses musste noch mehr als zehn Jahre warten. Die Gemeindeämter waren damals sehr notdürftig und provisorisch im Ex-Frühmesserhaus untergebracht. Vorher waren sie in einem Raum im Parterre des Steinbock, nach 1981, nach dem Bau des Schulhauses, übersiedelte die Gemeinde in das alte Schulhaus. Dort wurde dann unter Hans Winkler, der 1985 mein Nachfolger wurde, das derzeitige Gemeindehaus gebaut.</p>
<p>Da die Gelder hinten und vorne fehlten und die ordentlichen Haushaltsmittel der Gemeinde keine Hoffnungen aufkommen ließen, dass dieser Berghang im Eisacktal mit so vielen verstreuten Gehöften je ein öffentliches Wegenetz und genügend Leitungen für Strom, Wasser und Abwasser bekommen werde, suchte ich verzweifelt nach Sonderfinanzierungen. Joachim Dalsass, der für Landwirtschaft zuständige Landesrat und spätere Abgeordnete im Europäischen Parlament, hatte Einsicht, dass es hier eine außerordentliche Unterstützung brauche, nachdem er einen Tag lang mit mir in einem Jeep der Feuerwehr und zu Fuß das ganz Gemeindegebiet kennen gelernt hatte. Auf seine Empfehlung hin und mit Hilfe seiner Beamten gründete ich das Bodenverbesserungskonsortium Villanders. Zunächst war ich geschäftsführender Präsident und dann Sekretär, bis ich aus Zeitgründen, aber auch, weil ich bei den Bauern immer mehr in Missgunst gefallen war, ganz aus dem Konsortium ausschied.</p>
<p>Die finanzielle Situation der Gemeinde verbesserte sich von Jahr zu Jahr. Durch das Zweite Autonomiestatut bekam Südtirol in der zweiten Hälfte des 70er Jahre beträchtlich mehr Finanzmittel vom Staat. Als dann auch noch Hans Zelger aus Deutschnofen Gemeindesekretär wurde, war nicht nur das Bodenverbesserungskonsortium, sondern auch die Gemeinde finanziell in der Lage, mehr oder weniger alles zu realisieren, was wir organisatorisch auf die Reihe bekommen haben. Villanders war Ende der 70er Jahre und in den 80er Jahren eine große Baustelle. Es wurden nicht nur (mehr oder weniger) alle Höfe und Häuser mit Straßen erschlossen, wer an das öffentliche Wasserleitungsnetz und an die Kanalisierung anschließen wollte, bekam dazu die Möglichkeit, die Stromleitungen wurden erneuert und die Stromzufuhr in wenigen Jahren vervielfacht, Wohnbauzonen wurden errichtet, zwei Gewerbezonen erschlossen, ein Gebäude für Schule, Kindergarten, Bibliothek, Bank, Kultursaal und ein Arztambulatorium konnten errichtet werden und auch für das neue Gemeindehaus konnte konkret mit der Planung begonnen werden.</p>
<p>Dass bei dieser Geschwindigkeit das eine und andere in Villanders nicht sorgfältig genug gemacht wurde, das gebe ich gerne zu. Insgesamt gab es damals eine Aufbruchsstimmung, in welcher wir Villanderer mit den umliegenden Gemeinden gleichziehen wollten und weitgehend auch konnten. Heute hätte ich es wohl nicht mehr so eilig.</p>
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		<title>KAPITEL sechs &#124; Auslöser einer Gelbsucht-Epidemie</title>
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		<pubDate>Mon, 06 Apr 2009 21:34:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>

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		<description><![CDATA[Zunächst habe ich nur geschmunzelt. So ungeheuerlich war der Vorwurf, dass ich ihn nicht wahrhaben wollte. Die Staatsanwaltschaft von Bozen teilte mir mit, dass gegen mich ermittelt würde, und forderte mich auf, einen Rechtsanwalt zu benennen. Grund dafür waren mehrere Strafgesetzartikel, gegen welche ich verstoßen haben soll: Verursachung einer Epidemie, Lebensmittelvergiftung, Wasserverseuchung, mehrfache Körperverletzung, Unterlassung [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Zunächst habe ich nur geschmunzelt. So ungeheuerlich war der Vorwurf, dass ich ihn nicht wahrhaben wollte. Die Staatsanwaltschaft von Bozen teilte mir mit, dass gegen mich ermittelt würde, und forderte mich auf, einen Rechtsanwalt zu benennen. Grund dafür waren mehrere Strafgesetzartikel, gegen welche ich verstoßen haben soll: Verursachung einer Epidemie, Lebensmittelvergiftung, Wasserverseuchung, mehrfache Körperverletzung, Unterlassung und Willkür in Amtshandlungen.</strong></p>
<p><strong>Was hatte ich getan, bzw. was hatte ich nicht getan? Was war passiert?</strong></p>
<p>Es war am Ende des Schuljahres 1977. Nur noch wenige Tage fehlten bis zum Schulschluss. Ich arbeitete damals als Verantwortlicher für berufliche Weiterbildung im so genannten Berufsschulinspektorat in Bozen bei Dr. Karl Kuppelwieder. Wenn ich aus Bozen abends heimwärts fuhr, ging ich immer zuerst in die Gemeinde, um das Neueste zu erfahren und um vordringliche Dokumente zu unterschreiben. Anfang Juni 1977 fiel mir auf, dass schon mehrere Tage hintereinander ein oder zwei Zettelchen vom Amtsarzt Dr. Josef Sullmann auf meinem Schreibtisch lagen.</p>
<p><span id="more-26"></span>Es waren Durchschriften seines Meldeblockes, mit welchen er bei ansteckenden Krankheiten den Landesamtsarzt und zur Kenntnis den Bürgermeister der betroffenen Gemeinde informierte. Als ich nun zum fünften oder sechsten Male die gleiche Nachricht über das Vorhandensein der <strong>Hepatitis-Virus-B-Infektion</strong>, griff ich zum Telefon. Ich wollte mich erkundigen, was ich als Bürgermeister tun könnte bzw. müsste. Der Amtsarzt meinte am Telefon, dass es sich um etwas Schwerwiegendes handle und dass er daher sofort zu mir ins Gemeindeamt käme. Dr. Sullmann wohnte in Klausen und stand eine Viertelstunde später vor mir im alten Frühmesshaus, wo damals die Gemeindeämter notdürftig untergebracht waren.</p>
<p>Ich muss hier vorausschicken, dass ich kurz vorher einen Konflikt mit diesem Amtsarzt hatte. Aufgrund des schulärztlichen Dienstes musste der jeweils beauftragte Arzt einmal monatlich das Schulgebäude inspizieren und zweimal jährlich bei allen Pflichtschülern eine Visite durchführen. Für diesen Dienst standen dem Arzt 2.000 Lire pro Schulkind zu. Laut Bericht des Schulleiters war Dr. Sullmann während des ganzen Schuljahres aber nur ein einziges Mal im Schulgebäude und hat mit Unterstützung des Lehrpersonals in knapp zwei Stunden rund 190 Grundschüler untersucht. Auf meinen Vorschlag hin genehmigte der Gemeindeausschuss für diesen schlampigen Dienst nur 1.000 Lire anstatt 2.000. Auf die Beschwerde von Dr. Sullmann reagierte ich mit einer Eingabe bei der für das Gesundheitswesen zuständigen Landesrätin Frau Waltraud Gebert-Deeg, weil es meines Erachtens mehrere Punkte mit Dr. Sullmann zu bereinigen galt. Diese Eingabe verlief jedoch in den Sand. Bei einem Gespräch mit Landeshauptmann Dr. Silvius Magnago fragte mich dieser, ob ich nachweisen könne, dass Dr. Sullmann bewusst jemand umgebracht hätte. Nein, nachweisen, dass Dr. Sullmann bewusst jemand umgebracht hätte, nein, das könne ich nicht. Dann sagte Magnago schlussfolgernd: „Ich werde gegen keinen Arzt mehr etwas unternehmen, wenn ich nicht beweisen kann, dass dieser bewusst jemand umgebracht hat.&#8221;</p>
<p>Dr. Sullmann kam also zu mir in Gemeindeamt und teilte schon beim Eintreten mit, dass er nun ein Zweifaches erreicht habe. Ich würde als Bürgermeister den Hut nehmen müssen und die Touristen müssten im kommenden Sommer von Villanders fernbleiben. Ich bemühte mich um Ruhe und ersuchte den Herrn Doktor Platz zu nehmen und mir zu erklären, was wirklich passiert sei und was zu unternehmen sei.</p>
<p>Dr. Sullmann nahm mir gegenüber Platz und meinte lakonisch. „Das Trinkwasser in Villanders ist Scheiße.&#8221; Der Trinkwasserverbrauch sei sofort zu untersagen, mittels Tankautos sei die Trinkwasserzufuhr zu garantieren und die Gastbetriebe seien alle zu sperren.</p>
<p>Ich musste tief durchatmen, um nicht die Fassung zu verlieren. Ich forderte den Amtsarzt auf, seine Forderungen zu verschriftlichen. Ich würde dann all das tun, was gesetzlich verlangt ist. Dr. Sullmann schrieb dann mehr oder weniger das nieder, was er zuvor gesagt hatte. Daraufhin erklärte ich ihm, dass ich die entsprechenden Verordnungen mit Unterstützung des Gemeindesekretärs noch am gleichen Abend verfassen würde, dass ich jedoch all jene Wasserquellen ausnehmen werde, die durch letzthin erfolgte Wasseranalysen als trinkbar erklärt worden seien. Und ihn als Amtsarzt würde ich sofort schon mit der Durchführung all dessen beauftragen, was in dieser Verordnung festgehalten werden müsse. Mit lachendem Gesicht erwiderte Dr. Sullmann, dass er ab sofort in Urlaub sei. Und er teilte mit, dass ihn Dr. Kelderer vertreten würde.</p>
<p>Um den Sachverhalt besser zu verstehen, muss ein Zweifaches erklärt werden: Dr. Sullmann war der Überzeugung, dass verseuchtes Wasser die Ursache der Hepatitis B war. Und: Villanders war damals erst dabei, eine erste größere Wasserleitung zu bauen. Die meisten Haushalte waren durch private Wasserleitungen aus teilweise schlampig gefassten Quellen versorgt.</p>
<p>Nach dem Fortgehen des Amtsarztes rief ich sofort den Landesamtsarzt Dr. Verdi an und versuchte ihm die Sachlage zu erklären. Er empfahl mir, wie die Verordnungen zu machen seien, und versprach, dass er sofort einen Tankwagen der Landesfeuerwehr bestellen werde und dass er mir sofort tags darauf drei Hygienefachleute schicken werde, um schnellstens die notwendigen Wasseranalysen durchzuführen. Ich habe zwei Tage Urlaub genommen, um bei den Hausbesuchen durch die Hygieneinspektoren vor Ort die Leute aufklären und beruhigen zu können.</p>
<p>Zum Glück war überall dort, wo Kinder an Hepatitis erkrankt waren, das Wasser in Ordnung, und bei den zehn oder zwölf Quellen, die bakteriell und z.T. auch fäkal verseucht waren, dort gab es keine Krankheiten. Auch beruhigte mich ein gut bekannter Hygienearzt aus Deutschland sofort schon, dass Hepatitis B verschiedene Ursachen haben kann, jedoch niemals seien Wasser oder schlechte Nahrungsmittel die Ursache.</p>
<p>Die Zahl der Hepatitis-Erkrankung stieg weiter an. Im Hochsommer 1977 musste die gesamte Bevölkerung von Villanders sich innerhalb von drei Tagen Blutproben unterziehen. Man muss sich vorstellen, wie umständlich und aufwändig das damals war, als noch die Hälfte der Leute im Sommer auf der Alm waren und vielfach nur zu Fuß das Dorf erreichten. Aufgrund der Blutproben wurden weitere Infizierte ausgemacht, auch solche, die nur passiv Träger des Virus waren und sich gesund gefühlt haben. Insgesamt 32 Personen mussten sich in diesem Sommer für einige Tage zur Beobachtung in die Isolierstation des Krankenhauses Brixen begeben.</p>
<p>Im Spätherbst 1977 bekam ich die Mitteilung von Staatsanwalt Anania, dass gegen mich in dieser Angelegenheit ermittelt würde. Ich beauftragte nicht nur einen Rechtsanwalt, sondern auch auf dessen Empfehlung hin zwei Professoren von Padua mit dem Erstellen von Gegengutachten. Inzwischen wurden von Gerichtsbeamten alle Bauakte von Villanders ab dem 1. Jänner 1973 sequestriert und verschiedene andere Untersuchungen eingeleitet, die nichts mit Hygiene zu tun hatten, z.B. eine genaue Überprüfung, ob die Gemeinde die Werbesteuer sorgfältig erhoben und eingetrieben hätte, ob Buchhaltung und Finanzen in Ordnung seien, und Almhütten, die schon zwanzig Jahre lang standen wurden geprüft, ob dafür Bau- und Benützungsgenehmigungen ordnungsgemäß ausgestellt worden seien&#8230; Kurzum, ich wurde wie ein Krimineller behandelt, auch für viele Sachen, die in eine Zeit fielen, wo ich noch lange nicht Bürgermeister war. Es war nicht nur die Gerichtsbehörde, die alles unter die Lupe nahm, auch die Finanzämter und die Aufsichtsbehörde des Landes. Besonders mies behandelt wurde ich vom Urbanistiklandesrat Dr. Alfons Benedikter.</p>
<p>Wie ging die Affäre weiter? Jung und naiv wie ich war, ich nahm alles eher auf die lockere Schulter. Auch hatte ich absolut kein schlechtes Gewissen. Heute weiß ich, dass man auch mit bestem Wissen und Gewissen im Räderwerk der Gerichtsbarkeit arge Probleme bekommen kann. Heute würde ich es sicher nicht mehr so locker nehmen.</p>
<p>Über meinem Rechtsanwalt erfuhr ich ca. ein Jahr später, dass der Untersuchungsrichter nicht bereit war, die Unterlagen von der Staatsanwaltschaft entgegenzunehmen. Die Staatsanwaltschaft hätte die Kompetenzen überschritten. Meine Akte lag nun mehr oder weniger unberührt beim Staatsanwalt Anania. Im Herbst 1979 erfuhr ich aus den Medien, dass Dr. Anania nach Lucca in die Toscana versetzt werden soll. Man redete von einer Art Strafversetzung, nicht meinetwegen, beileibe nicht, sondern wegen anderer Vorkommnisse, wo sich dieser Staatsanwalt mehr als sonderbar verhalten hätte. Ich wurde noch gelassener als zuvor und hoffte auf eine Archivierung der ganzen Angelegenheit. Es kam aber anders.</p>
<p><strong>Sieben Tage Gefängnis</strong></p>
<p>Am Mittwoch, 7. November 1979, läuteten kurz vor sieben Uhr in der Früh drei Herren in Zivil von der Carabinieristation in Klausen an meiner Haustür. Auf meine Frage, was sie bräuchten bzw. ob was vorgefallen sei, was sie bei mir als Bürgermeister zu melden hätten, entschuldigten diese Herren sich zwei- und dreimal wegen der Störung so früh am Morgen. Dann drückten sie mir einen Zettel in die Hand. Ich sah die „Ordinanza&#8221; der Staatsanwaltschaft und las die Überschrift: „Ordine di cattura&#8221;. Sie hätten mich im Auftrag von Staatsanwalt Anania noch am Tag zuvor am späten Abend holen sollen. Aus menschlichen Gründen hätten sie sich jedoch geweigert, einen Familienvater in der Nacht aus dem Bett zu holen. So haben sie mir mitgeteilt. Sie mussten aber versprechen, mich zu Hause „abzuführen&#8221;, bevor ich tags darauf zur Arbeit fahren würde.</p>
<p>Ich durfte noch in aller Ruhe den Bürgermeister-Stellvertreter und den Gemeindesekretär sowie meinen Stellvertreter und die Sekretärin in der Schule anrufen. Seit kurzem war ich nämlich Direktor an der Berufsschule für Handel, Handwerk und Industrie in Brixen. Auch konnte ich in Ruhe meinen Koffer packen, obwohl mir niemand sagen konnte, ob diese Untersuchungshaft einen Tag, eine Woche oder länger dauern würde. Ich nahm alle Unterlagen mit, die ich im Zusammenhang mit der Anzeige von Anania gesammelt hatte, ebenso das neu erschienene Buch „Eingeklemmt&#8221;, mit Texten von Norbert C. Kaser, und ein bisschen Wäsche.</p>
<p>Bei der gründlichen „Identifizierung&#8221; in der Carabinieri-Station in Klausen mit Befragungen, mit Portrait-Fotos von vorne sowie von der rechten und von der linken Seite und der Aufnahme von Fingerabdrücken aller zehn Finger wurde mir klar, dass ich nun zur Kategorie der Schwerverbrecher zähle.</p>
<p>Im Gefängnis in der Dantestraße in Bozen bekam ich Einzelhaft. Die Aufnahme war eine Demütigung. Sie nahmen mir Gürtel, Schuhriemen, alle Dokumente und das Geld ab, gaben mir einen alten Blechteller und verbogenes Besteck und führten mich in eine kleine dreckige Zelle. Über das vergitterte Fenster sah ich den leicht verschneiten Kohlerer Berg. Auf keine der vordringlichen Fragen konnte mir jemand eine Antwort geben: Wieso ich mehr als zwei Jahre nach dem Vorfall der  Gelbsuchtepidemie in Untersuchungshaft gesteckt werde? Wie lange ich hier bleiben muss? Wann endlich das Ermittlungsgespräch („istruttoria&#8221;) mit dem Staatsanwalt stattfinden werde? Nur folgende Frage konnten mir die Gefängniswärter beantworten, nämlich, dass Telefonieren verboten sei, dass die hinausgehende Post kontrolliert würde und dass interessierte Besucher die entsprechende Erlaubnis bei der Staatsanwaltschaft einholen müssten, dass jedoch jeder Besuch überwacht würde.</p>
<p>Ich machte mir in den folgenden Tagen öfters den Gedanken, wie es wohl Ausländern, die sich sprachlich nicht verständigen können und die nur eine Pflichtverteidigung bekommen, ergehen würde, und noch mehr, wie der Strafvollzug wohl in diktatorischen Staaten ausschauen dürfte, wenn schon das demokratische Italien mit bekanntlich eher antiautoritären Beamten mit einem bisher gänzlich unbescholtenen Bürger so umspringt.</p>
<p>Es war ein Mittwoch, als man mich einsperrte. Ich richtete meine Zelle zurecht und fing an zu lesen und zu schreiben. Ich las das N.-C.-Kaser-Buch und Anklageschriften, Zeitungsartikel, Tagebuchnotizen und Dokumente im Zusammenhang mit der Gelbsuchtepidemie. Nebenbei bereitete ich mich auf ein Gespräch vor, das doch endlich der Staatsanwalt mit mir führen würde. Ich war von der Außenwelt gänzlich abgeschnitten. Nur über das Fernsehen, das es damals schon in jeder Zelle gab, konnte ich die italienischen Fernsehprogramme empfangen und so erfuhr ich auch, dass Staatsanwalt Anania kurz vor seiner Versetzung noch drei Aufsehen erregende Verhaftungen angeordnet hätte, darunter auch der Bürgermeister von Villanders, der wegen verseuchtem Trinkwasser und wegen der Auslösung einer Gelbsuchtepidemie angeklagt sei. Es wurde auch über Pressemitteilungen des Gemeindenverbandes und Sympathiebekundungen durch die SVP-Arbeitnehmer berichtet.</p>
<p>Am Samstagnachmittag, also drei Tage noch meiner Verhaftung, kamen Staatsanwalt Anania mit meinem Rechtanwalt Alberto Valenti zu mir ins Gefängnis. Das fast zwei Stunden lange Gespräch, das Anania mit mir geführt hat, war mehr ein Streitgespräch, weniger ein Verhör. Zum Schluss diktierte er seiner Sekretärin ins Verhörprotokoll, dass der Angeklagte weiterhin in Haft bleiben müsse. Auf meine Frage, wieso er zu diesem Schluss komme. Die Ermittlungen seien doch schon vor mehr als einem Jahr abgeschlossen worden, sodass keine Verdunkelungsgefahr bestünde. Auch sei eine Fluchtgefahr wohl mehr als unwahrscheinlich. Da hätte ich ja schon mehr als zwei Jahre lang die Möglichkeit dazu gehabt. Anania antwortete bissig ironisch. Er sei mir keine Antwort schuldig, wie er diesbezüglich überhaupt bei niemandem sich rechtfertigen und seine Entscheidung nicht begründen müsse.</p>
<p>Ich saß noch weitere vier Tage im Gefängnis. Nach diesem Besuch durch den Staatsanwalt verfasste ich ein Rücktrittsschreiben als Bürgermeister an den Gemeinderat Villanders. Ich war der Überzeugung, dass es für eine Gemeinde nicht zumutbar sei, einen Bürgermeister zu haben, der unter so schwerer Anklage steht.</p>
<p>Die Aufsichtsbeamten im Gefängnis waren sehr menschlich. Obwohl ich in Einzelhaft war, erlaubte man mir, untertags in den Gefängnishof zu gehen, mit anderen Gefangenen Flugball zu spielen und so mit diesen ins Gespräch zu kommen. Einerseits genoss ich die Einzelhaft zum Lesen, meditieren und Schreiben, andererseits war ich neugierig, wen ich hier wohl antreffen würde. Ich erfuhr von Biografien von Leuten, die vom Schicksal verfolgt und dann auch von der Justiz verfolgt wurden, Leute, gar einige Leute, die meines Erachtens ganz zu Unrecht in Haft saßen. In zwei „Fällen&#8221; erfuhr ich auch, wie sie als Werbung in einem politischen Prozess für einen SVP-Staranwalt missbraucht werden und monatelang sitzen, ohne über ihre Zukunft Bescheid zu wissen. Ich empfahl ihnen, einen jüngeren Rechtsanwalt zu nehmen, der weniger kosten würde und der sich höchstwahrscheinlich um eine viel schnellere Rechtssprechung bemühen würde. In einem „Fall&#8221; ersuchten mich die Gefängniswärter, ich möge einen jungen Mann aus einem Seitental im Burggrafenamt kommen. Sie könnten sich mit ihm nicht unterhalten, weil er nicht italienisch und sie nicht deutsch verstünden. Dieser Herr sei untröstlich und weine nur. Dieser junge Mann ist auch aufgrund einer mehr als zweifelhaften Anzeige urplötzlich vom Hof und von der Familie weg in Untersuchungshaft gesteckt worden. Ich konnte dem armen Heiter unmittelbar kaum helfen. Er konnte sich aussprechen. Ich habe ihm empfohlen, meinen Rechtsanwalt zu nehmen. Dr. Valenti war dann auch imstande, diesen meines Erachtens gänzlichen unschuldigen Menschen bald aus dem Gefängnis zu holen und bald auch einen vollen Freispruch zu erwirken.</p>
<p>Ich möchte diese sieben Tage in meiner Biographie nicht missen. Ich habe in dieser Woche viel mehr gelernt als in manch anderen Wochen. Zwei Dinge sind mir klar geworden: 1. Wirkliche Verbrecher kommen wohl selten ins Gefängnis. 2. Das Gefängnis, so wie ich es erlebt habe, dient sicher nicht zur Besserung von Straftätern. - Diese sieben Tage scheinen auch in meiner Renten-Biografie auf. Ich wurde von der Landesverwaltung vom 7. bis 13. November 1979 vom Dienst suspendiert und dann am 14. November wieder neu in den Dienst aufgenommen.</p>
<p>Positiv war sicher auch die Erfahrung, dass hinter vielfach unverständlich aufgebauten Strukturen, wie ich Justiz und Strafvollzug erlebt habe, es doch auch Leute mit Herz und Hausverstand gibt. Ich denke noch mit Sympathie an die Wärter im Gefängnis.</p>
<p>Wie ging meine Justiz-Affäre aus? Soweit mir bekannt ist, wurde in der Zeit zwischen meiner Haft und der entscheidenden Sitzung beim Gericht keine weitere Ermittlung gemacht. Staatsanwalt Anania wurde ja noch im November 1979 nach Lucca in die Toscana versetzt, später kam er ins Innenministerium nach Rom. Soweit ich erfahren habe, waren diese Versetzungen keine karrieremäßigen Beförderungen, sondern Verwaltungsmaßnahmen gegen dessen Willen.</p>
<p>Mein im Gefängnis formuliertes und am 14. November eingereichtes Rücktrittsgesuch wurde vom Gemeinderat Villanders in geheimer Abstimmung einstimmig abgelehnt. Im Ablehnungsbeschluss vom 21. November steht als Begründung unter anderem: „Auf seine Initiative hin ist es möglich gewesen, durch die Gemeindeverwaltung und durch das von ihm zur Gründung vorgeschlagene und bis vor wenigen Monaten geführte Bodenverbesserungskonsortium gerade jene Infrastrukturen erstellen zu lassen, die für diese Gemeinde im hygienischen, sanitären und verkehrstechnischen Bereich von grundlegender Wichtigkeit sind, und zwar den Bau von Wasserleitungen und Straßen zur Erschließung der Berghöfe. Es muss hier also hervorgehoben werden, dass durch den von Bürgermeister Kußtatscher betriebenen und in Fertigstellung stehenden Wasserleitungen innerhalb des Jahres 1980 90 % der Wohnhäuser von Villanders die Möglichkeit haben werden, sich an die Gemeindewasserleitung anzuschließen. &#8230; Die Vertretung von Privatinteressen kann nach Auffassung des Gemeinderates mit der Person von Sepp Kußtatscher nicht in Verbindung gebracht werden, da ihm gerade seine Selbstlosigkeit und Geradlinigkeit hoch anzuwerten ist.&#8221;</p>
<p>So habe ich den Rücktritt widerrufen und habe auf Gemeinde- und Bezirksgemeinschaftsebene weiter gemacht, ebenso beim Bodenverbesserungskonsortium und im Abwasserverband Unteres Eisacktal, in welchem ich Gründungsobmann wurde. Ich habe auch bei den Gemeinderatswahlen 1980 kandidiert und wurde vom Gemeinderat wieder als Bürgermeister gewählt. Die Direktwahl der Bürgermeister wurde erst 1993 eingeführt.</p>
<p>Am Dienstag, 10. November 1981, genau zwei Jahre nach meiner Haft und fünf Tage vor der Einweihung von Schule, Kindergarten und Vereinshaus in Villanders kam es endlich zur Verhandlung beim Landesgericht in Bozen. Ein ganzer Tag war für diesen Prozess anberaumt worden. Alle von Gelbsucht betroffenen Personen, bei Minderjährigen deren gesetzliche Vertreter, waren in den Zeugenstand berufen. Dabei erhielt ich einen vollen Freispruch bei Gericht. Die Zeitungen, die vorher Schlagzeilen und Leitartikel über meine Verhaftung und über die Zustände in Villanders verfasst hatten, brachten irgendwo auf der linken Seite unten eine kleine Notiz über diesen Freispruch.</p>
<p>Für die Verteidigung und für verschiedene Gutachten musste ich mehr als sieben Millionen Lire privat vorstrecken. Als Bürgermeister bekam ich damals eine Amtsentschädigung von monatlich 800.000 Lire. Da ich einen vollen Freispruch bekommen hatte und da das ganze Verfahren ja nicht von mir als Privatperson, sondern als Vertreter der Gemeinde bestritten wurde, konnte die Gemeinde alle belegbaren Spesen vergüten.</p>
<p>Im Nachhinein konnte ich mit Wilhelm Busch sagen:</p>
<p>„Gehabte Schmerzen, die hab ich gern!&#8221;</p>
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		<title>KAPITEL sieben &#124;  Holzabfälle und Stallmist</title>
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		<pubDate>Mon, 06 Apr 2009 21:32:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>

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		<description><![CDATA[Alternative Energiequellen sind inzwischen weit verbreitet. So ist auch Südtirol die Nutzung von Hackschnitzel für Heizkraftwerke sowie von Gülle und Jauche zur Biovergasung eine Selbstverständlichkeit geworden. Dass es vor 20 Jahren noch ganz anders war, habe ich persönlich erfahren.
Nach meiner ersten Wahl in den Landtag im November 1988 fiel mir ein längerer Bericht über Energie [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Alternative Energiequellen sind inzwischen weit verbreitet. So ist auch Südtirol die Nutzung von Hackschnitzel für Heizkraftwerke sowie von Gülle und Jauche zur Biovergasung eine Selbstverständlichkeit geworden. Dass es vor 20 Jahren noch ganz anders war, habe ich persönlich erfahren.</strong></p>
<p><strong>Nach meiner ersten Wahl in den Landtag im November 1988 fiel mir ein längerer Bericht über Energie und Landwirtschaft im Land Salzburg und in Oberösterreich in die Hände. Für mich war die Idee neu und gleichzeitig sehr einleuchtend.</strong></p>
<p>Durch die tiefen Holzpreise wachsen die hiesigen Wälder immer mehr zu und wenn zwischendurch größere Mengen an Holz geschlägert werden, so zahlt es nicht aus, die Waldabfälle als Brennholz zu nutzen, da die Verarbeitung und Bringung zu teuer ist. Noch bedenklicher ist die Entwicklung bei der Verwertung von Mist und Jauche in den Stallungen. Solange es viel Getreideanbau gab, war die Überdüngung kein Thema.</p>
<p><span id="more-24"></span>Im Gegenteil, der Bauer hatte immer zu wenig Düngemittel aus dem eigenen Stall für seine Wiesen und Äcker. Inzwischen hat allerdings eine radikale Veränderung in der Landwirtschaft stattgefunden. Fast nur mehr Wiesen und Futterpflanzen auf den wenigen Äckern. Aufgrund der relativ hohen Milchpreise lohnte es sich für viele Bauern zusätzlich noch Futtermittel zuzukaufen. Plötzlich wusste man nicht mehr wohin mit so vielen Mist, Gülle und Jauche und immer wieder kam und kommt es in Südtirol zu massiver Überdüngung und daraus folgenden Problemen für Umwelt und Grundwasser.</p>
<p>Ich las also, dass die Österreicher mit Erfolg angefangen hatten, aus diesen Überschüssen im Wald und im Stall Energie zu gewinnen: Hackschnitzel für den Betrieb zentraler Heizanlagen, Biogas aus Gülle und Jauche werden zu elektrischer Energie umgewandelt. Das leuchtete mir als relativ einfache und dezentralisierte Form der Energiegewinnung ein. Zudem sah ich darin eine Möglichkeit für die Bauern, ein Zusatzeinkommen zu erzielen, und die weitgehend positiven Auswirkungen für die Umwelt.</p>
<p>Schnell setzte ich mich dran, einen Beschlussantrag für den Landtag zu formulieren. Es war mein erster als neu gewählter Landtagsabgeordneter. Um dabei ja keine formalen Fehler zu machen, ließ ich mir in der SVP-Landtagsfraktion ein paar alte Beschlussanträge geben. Inhaltlich fühlte ich mich fit. Die Artikel in österreichischen Fachzeitschriften hatten mich voll überzeugt.</p>
<p>Was passiert in Südtiroler aber, wenn eine Idee zu früh oder von den falschen Leuten kommt?</p>
<p>Ich bekam das politische System Südtirol sehr schnell zu spüren. Als Arbeitnehmervertreter darf man doch keine Themen der Landwirtschaft aufgreifen! Da nützte es auch nicht, auf einem Bergbauernhof aufgewachsen zu sein. Ich hatte für bestimmte Leute in der SVP nicht den richtigen Stallgeruch. So kam mein Beschlussantrag gar nicht auf die Tagesordnung des Landtages. Schon in der SVP-Landtagsfraktion wurde ich von den „richtigen&#8221; Bauernvertretern gemaßregelt. Ich wurde mit Stimmenmehrheit aufgefordert, den Antrag zurückzunehmen. Die Begründung der Bauernvertreter war, dass diese meine Forderung auf einer total überholten Idee fuße. Dieser ganze Energiezauber sei vor einigen Jahren in Mode gekommen, inzwischen aber komplett obsolet.  Einer von denen, die mich da geschlossen zurückpfiffen, war Landwirtschafts-Landesrat und ist bald darauf Landeshauptmann geworden.</p>
<p>Landeshauptmann ist er immer noch.</p>
<p>Inzwischen zieht er landauf landab, um Hackschnitzelanlagen und Biogasanlagen einzuweihen&#8230;</p>
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		<item>
		<title>KAPITEL acht &#124;  Mehrsprachiger Kindergarten</title>
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		<pubDate>Mon, 06 Apr 2009 21:31:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>

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		<description><![CDATA[Nicht weil ich Lust daran hätte, alte Tabus zu brechen, sondern weil ich der Überzeugung bin, dass die zweite Landessprache so früh wie möglich gelernt werden soll, ja, dass überhaupt sehr frühes Sprachenlernen von Vorteil ist, habe ich schon als SVP-Mandatar für die Förderung früher Mehrsprachigkeit gekämpft. 
Vielfach war es ein Kampf gegen Windmühlen. Ein [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Nicht weil ich Lust daran hätte, alte Tabus zu brechen, sondern weil ich der Überzeugung bin, dass die zweite Landessprache so früh wie möglich gelernt werden soll, ja, dass überhaupt sehr frühes Sprachenlernen von Vorteil ist, habe ich schon als SVP-Mandatar für die Förderung früher Mehrsprachigkeit gekämpft. </strong></p>
<p>Vielfach war es ein Kampf gegen Windmühlen. Ein Grund mag auch sein, dass mein Zugang zur zweiten Landessprache und meine mangelhaften Kenntnisse moderner Sprachen überhaupt bei mir ein wesentliches Motiv waren und sind, dass ich die Lernbedingungen für nachfolgende Generationen in Südtirol immer schon ändern wollte.</p>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-62" title="buch-kap-8" src="http://www.kusstatscher.info/buch/wp-content/uploads/2009/04/buch-kap-6-sepp-mit-enkeln.jpg" alt="buch-kap-8" width="500" height="235" /></p>
<p><strong>Es gibt keinen Grund, warum unsere Kinder und Enkel in Südtirol nicht von klein auf mehrsprachig aufwachsen sollten </strong></p>
<p><span id="more-22"></span>Ich muss hier wohl einen kleinen Beweis liefern, dass diese Einstellung nicht erst aufgrund meiner Mitgliedschaft bei den Grünen-Verdi-Verc mit der bekannten Aufgeschlossenheit für interkulturelle Themen und somit für Mehrsprachigkeit und Vielfalt entstanden ist, sondern eher umgekehrt, dass ich deshalb bei den Grünen gelandet bin, weil dort neben der ökologischen Ausrichtung die kultur- und bildungspolitisch größere Aufgeschlossenheit für mich überzeugender und zukunftsgerichteter anzutreffen war.</p>
<p>Vor 15 Jahren war die Forderung der italienischsprachigen Südtiroler nach einem zweisprachigen Kindergarten wieder einmal besonders stark. Am 21. September 1992 befasste sich der Parteiausschuss des SVP mit dieser Frage. Ich zitiere bloß einen Absatz aus dem „Entwurf zur Entschließung des Parteiausschusses zur Zweisprachigkeit im Kindergarten&#8221;, wohl von Parteisekretär Hartmut Gallmetzer vorformuliert:</p>
<blockquote><p><em>„Es ist allgemein ersichtlich, das die Lehrerfolge beim Zweitsprachenunterrricht an der italienischen Schule, der den Schulpflichtigen im Schnitt zwölf bis dreizehn Jahre lang erteilt wird, unzureichend sind. Daher ist nicht einzusehen, dass der Zweitsprachenunterricht eine Besserung schaffen würde, wenn die eigentliche Schule, in der die besten Voraussetzungen dafür bestehen sollten, bisher versagt hat. Solange die Möglichkeiten im gegebenen Rahmen nicht voll ausgeschöpft werden, sind die einschlägigen politischen Forderungen von italienischer Seite nicht glaubhaft.&#8221;</em></p></blockquote>
<p>Ungeheuerlich! Wenn ich dieses Veto der Regierungspartei mit absoluter Mehrheit gegenüber der italienischen Sprachgruppe jetzt 15 Jahre später lese, so wundere ich mich, dass ich es überhaupt und so lange  bei der SVP ausgehalten habe. Es war mehr als eine Eselsgeduld mit ewiggestrigen Rassisten.</p>
<p>Als Landtagsabgeordneter und Vorsitzender der SVP-Arbeitnehmer und somit als Rechtsmitglied der Parteileitung und des Parteiausschusses kämpfte ich dafür, dass wir, die wir unsererseits immer eine Nichteinmischung seitens der Italiener verlangt haben und verlangen, auch umgekehrt großzügiger bei den Forderungen der italienischen Sprachgruppe sein müssten. Da ich mich bei diesem für die SVP so heiklen Thema schriftlich vorbereitet habe und mich bei meinem Statement stark an das fast vier Seiten lange Manuskript gehalten habe und da meine Ausführungen von damals auch heute noch in der SVP weitgehend ein Tabuthema betreffen, will ich hier ein paar Passagen zitieren.</p>
<p>Eingangs verwies ich in meiner Stellungnahme auf eine Reihe von Sprachwissenschaftlern, die das spielerische Erlernen von Sprachen im Vorschulalter ziemlich einhellig befürworteten. Ich zitierte unter anderem einen Forschungsbericht, den damals Frau Traute Taeschner im Auftrag der Landesregierung erstellt hatte: „Wenn man erreichen will, dass die Jugendlichen tatsächlich die zweite Sprache sprechen, dann muss man bereits im Kindergarten anfangen, eben weil das Erlernen einer Sprache Zeit braucht.&#8221;</p>
<p>Sogar auf Otto von Habsburg habe ich verwiesen, der auf einer Tagung in Brixen einige Zeit vorher „eine möglichst früh angesetzte Mehrsprachigkeit für die Entwicklung des Kindes und für die europäische Realität gefordert&#8221; hat.</p>
<p>Wörtlich sagte ich in der Parteileitung; „Wir gehen in Südtirol allgemein davon aus, dass jede Sprachgruppe ihre Kultur- und Bildungspolitik macht. Wir wollen nicht, dass die Italiener uns dreinreden und wir sollten das auch bei den Italienern respektieren. Auch sollten wir folgendes bedenken: Den Ladinern, der schwächsten Volksgruppe, muten wir sehr frühe Mehrsprachigkeit zu. Und die Ladiner selbst wollen daran festhalten. Daher warne ich davor, dass wir den Italienern verbieten, bereits im Kindergarten deutsch zu lernen bzw. dass sie so wie die Ladiner eigene Modelle wählen.&#8221;</p>
<p>Folgende Hauptgründe habe ich „für Deutsch im italienischen Kindergarten&#8221; angeführt:</p>
<p>1. Die Italiener wünschen es mit einer übergroßen Mehrheit (93,5 % der Eltern)</p>
<p>2. Wir haben bisher immer bedauert, dass die Italiener zu wenig deutsch lernen.</p>
<p>3. Die Italiener haben nicht wie wir das Problem der ausgeprägten Dialekte.</p>
<p>4. International versteht uns niemand, wenn wir auf der derzeitigen Regelung beharren.</p>
<p>Weiters habe ich auf die „Mehrsprachigen&#8221; verwiesen: „Die Tagung der Kindergärtnerinnen im Unterland am 2. September 1992 und die Untersuchung von Kurt Egger haben vor Augen geführt, dass die Mehrsprachigen nicht übersehen werden dürfen. 7.000 mehrsprachige Familien verbieten den Slogan: ‚Je besser wir uns trennen, desto so besser verstehen wir uns.&#8217; Wir sollten die Tore unserer Kindergärten und Schulen für die Kinder aus diesen Familien sehr weit öffnen. Es kann für manche Familie die letzte Chance sein, dass ihr Kind gut zweisprachig wird&#8230;&#8221;</p>
<p>Ein weiteres Zitat aus meiner Darlegung: „Das Festhalten an der Entscheidung von 1980 (‚Ja zur Zweisprachigkeit - Nein zur Mischkultur!&#8217;) wird allzu leicht zu einem Dogma gegen eine zweisprachige Gesellschaft&#8230; Wenn wir stur und stramm bei der Entscheidung von 1980 bleiben, können wir sicher sein, dass es erneut einen politischen Scherbenhaufen geben wird. Für das Überleben unserer Volksgruppe ist nicht der Abwehrkampf gegen alles ‚Andersartige&#8217; wichtig, sondern viel mehr, dass unsere Leute besser ausgebildet sind als die anderen. Das gilt vor allem für die Sprachkompetenz.&#8221;</p>
<p>Jetzt, 15 Jahre später, stelle ich fest, dass sich sehr viele Volkstumspolitiker noch genau gleich schwer tun, die Mehrsprachigkeit als Chance zu sehen. Sie sehen immer noch die Gefahr der Italienisierung. Diese Angst macht sie dumm und asozial. Oder ist es höheres parteipolitisches Kalkül, das ich nie verstanden habe? Der ethnisch motivierte Konflikt unter den Sprachgruppen erleichtert es, Fronten aufzubauen und volkstumspolitisch ausgerichtete Parteien als Allheilmittel zu preisen.</p>
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		<title>KAPITEL neun &#124; Universität Bozen 1974</title>
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		<pubDate>Mon, 06 Apr 2009 21:30:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>

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		<description><![CDATA[Im Frühjahr 1974 organisierte die Südtiroler Hochschülerschaft (SH) eine Studientagung im Waltherhaus in Bozen zum Thema „Universität Bozen&#8221;. Ich war damals SH-Vorsitzender. Walter Gufler und Elmar Locher waren zusammen mit anderen Mitglieder im Vorstand. Wir wollten unbefangen das Pro und Contra für Hochschuleinrichtungen für Südtirol diskutieren.
In Vorbereitung auf diese Tagung gab es mehrere Treffen mit [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Im Frühjahr 1974 organisierte die Südtiroler Hochschülerschaft (SH) eine Studientagung im Waltherhaus in Bozen zum Thema „Universität Bozen&#8221;. Ich war damals SH-Vorsitzender. Walter Gufler und Elmar Locher waren zusammen mit anderen Mitglieder im Vorstand. Wir wollten unbefangen das Pro und Contra für Hochschuleinrichtungen für Südtirol diskutieren.</strong></p>
<p>In Vorbereitung auf diese Tagung gab es mehrere Treffen mit Vertretern der damals im Landtag vertretenen Parteien. Nur den MSI (Movimento Sociale Italiano, die Vorgängerpartei der Alleanza Nazionale) haben wir Studenten aus der Parteienrunde ausgeschlossen, weil er für uns als undemokratisch galt. Die SVP hat zu diesen vorbereitenden Besprechungen immer auch eine Vertretung geschickt, jedoch fast immer andere Personen als beim vorhergehenden Treffen. Die SVP-Abgesandten legten immer besonderen Wert auf die Feststellung, dass sie zwar die SVP verträten, aber im Namen der SVP keine offizielle Stellungnahme abgeben könnten bzw. dürften.</p>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-65" title="buch-plakat-magnago-landesadler" src="http://www.kusstatscher.info/buch/wp-content/uploads/2009/04/buch-plakat-magnago-landesadler-keiner-uni-500-px.jpg" alt="buch-plakat-magnago-landesadler" width="500" height="678" /><strong><br />
Die SVP sperrte sich lange gegen eine Uni in Bozen - als ich sie als SVP-Landtagsabgeordneter im Rahmen der Haushaltsdebatte 1989 forderte, handelte ich mir einen groben Rüffel von Luis Durnwalder ein. </strong></p>
<p><span id="more-20"></span>Wir Studenten gingen in unserem Demokratieverständnis sogar so weit, dass wir Assessor Anton Zelger, den damaligen SVP-Landesrat für Schule und Kultur, als einen der Hauptreferenten zu Beginn der Tagung vorgesehen hatten, obwohl wir wussten, dass die SVP und dahinter das Tagblatt Dolomiten sich schon seit jeher mächtig gegen eine Hochschuleinrichtung in Südtirol gestemmt haben. Eine Universität wäre - so wurde immer wieder eingewendet - wie die Industriezone Bozen ein Instrument zur Italienisierung Südtirols. Unsere Landesuniversität sei und bleibe Innsbruck.</p>
<p>Uns SH-lern ging es nicht so sehr darum, eine Universität für Südtirol zu fordern, sondern sine ira et studio zu prüfen, ob eine universitäre Einrichtung - oder eventuell auch eine postuniversitäre - für Südtirol sinnvoll und nützlich wäre, oder aber eine bewusste Entscheidung herbeizuführen, ob wir weiterhin die gesamte Aus- und Weiterbildung nach der Matura den Innsbruckern und Trientnern überlassen sollen.</p>
<p>Das Feuer war bei uns Studenten natürlich auf dem Dach, als uns unmittelbar vor Beginn der Tagung mitgeteilt wurde, dass am Nachmittag zuvor in der SVP-Parteileitung auf Antrag von Landesrat Alfons Benedikter entschieden worden war, keinen Vertreter zu schicken, d.h. die SH-Tagung zu boykottieren. Landesrat Zelger durfte also nicht zu unserer Tagung kommen. Die italienischen Parteien waren gut vertreten, ebenso die Südtiroler Fortschrittspartei mit Egmont Jenny. Auch Paolo Prodi, der damalige Rektor von Trient war bei der Vorbereitung und Durchführung dieser Tagung aktiv dabei. Insgesamt erhielt die Tagung durch die Abwesenheit der Regierungspartei SVP natürlich eine besondere Schlagseite gegen diese.</p>
<p>Ich erinnere mich nicht so sehr an Details der Tagung, jedoch sehr gut daran, dass die Tageszeitung Dolomiten am Tag nach unserer Eröffnungsveranstaltung einen großen und gehässigen Artikel gegen uns linke SH-eler und gegen jede wie auch immer geartete Diskussion in der Uni-Frage brachte. Da Josef Rampold als damaliger Dolomiten-Journalist am ersten und auch am zweiten Tag in den hinteren Rängen als Teilnehmer saß, habe ich ihn öffentlich angesprochen. Ich forderte ihn auf, uns zu begründen, wie es zu diesem Artikel hatte kommen können. Dieser entspreche überhaupt nicht dem Verlauf unserer Veranstaltung am Tag zuvor und sei inhaltlich eine Verdrehung von Tatsachen. Der sonst so stramme Josef Rampold antwortete uns kurz und bündig und in verblüffender Offenheit vor den Tagungsteilnehmern: „Wes Brot ich esse, des Lied ich singe.&#8221;</p>
<p><strong> </strong></p>
<p>Im Spätherbst 1989 wurde das so genannte Ruberti-Gesetz verabschiedet, ein Hochschul-Reformgesetz, das in Italien die Lehrerausbildung auf Hochschulebene vorschrieb. Diese neue gesetzliche Lage nahm ich zum Anlass, um bei der Diskussion zum Haushaltsgesetz das Thema Universität im Landtag aufzuwerfen. Es ist im Südtiroler Landtag üblich, dass Abgeordnete, die sonst kaum die Diskussion über allgemeine, nicht auf der Tagesordnung stehende Argumente aufwerfen konnten, dies bei zwei Gelegenheiten tun können:  Nach der Programmvorstellung und der Regierungserklärung durch den designierten Landeshauptmannes und jährlich einmal im Zusammenhang mit der Genehmigung des Haushaltsvoranschlages.</p>
<p>Mir war sehr klar, dass es in der SVP immer noch eine abgrundtiefe Abneigung gegen eine eigene Hochschuleinrichtung gäbe. Daher habe nicht die Gründung, sondern ganz bescheiden nur eine Diskussion gefordert. Wörtlich sagte ich:</p>
<blockquote><p><em>&#8220;(&#8230;) Allerdings, die Ansätze, die im Bericht des Landeshauptmannes drinnen sind, sind meines Erachtens viel zu bescheiden. Es ist zu wenig, wenn wir jetzt die Initiativen der letzten Jahre hernehmen, wo ein paar Schulversuche gemacht wurden, ein paar Zubauten und ein paar Renovierungen, das Pädagogische Institut eingesetzt worden ist. Sicher, alles positive Initiativen! Nur glaube ich, dass es Mut zu wirklich größeren Schritten bräuchte. Es sollte meines Erachtens wirklich die Schaffung universitärer Strukturen auch in unserem Lande ernsthaft studiert werden. (&#8230;)&#8221;</em><strong><br />
</strong></p></blockquote>
<p>Landeshauptmann Durnwalder erteilte in seiner Replik mir gegenüber, der ich damals ja Mitglied seiner Partei war, öffentlich im Landtag eine so heftige Abfuhr, dass ich aufstand und den Sitzungssaal demonstrativ verließ.</p>
<p>Die Diskussion war aber nun losgetreten. Die Medien im Lande, vor allem die italienischen, reagierten sehr sensibel auf dieses Anliegen. Auch in der SVP wurde die Diskussion immer heftiger geführt. Magnago, Hosp und Durnwalder wollten zunächst jede Diskussion verhindern. Die Zeit war aber inzwischen reif und so bekam das Thema Universität eine bestimmte Eigendynamik. Gewerkschaften, Wirtschaftsverbände, sogar der Bauernbund, alle argumentierten mehr oder weniger zugunsten von universitären Einrichtungen. Das Wort Universität oder Hochschule kam vielen Leuten nur sehr stockend über den Mund.</p>
<p>An eine Aussprache im engen Kreise erinnere ich mich noch gut. Ich ging als Vorsitzender der SVP-Arbeitnehmer gemeinsam mit dem SVP-Wirtschaftssprecher Christoph Amonn und mit Martha Stocker, der damaligen Vorsitzenden des SVP-Ausschusses für Schule und Kultur, in das Büro des Landeshauptmannes Luis Durnwalder. Wir wollten ihn überreden bzw. überzeugen, dass er in der Universitätsfrage nicht länger eine so ablehnende Haltung einnehmen dürfe. Er zeigte uns aber ganz offen die kalte Schulter und meinte, dass eine Uni in Südtirol für ihn nicht in Frage käme. Wörtlich: „Nur über meine politische Leiche!&#8221;</p>
<p>Alle, die die Entwicklung der Universität in Bozen auch nur oberflächlich verfolgt haben, können sich aber sicher noch gut daran erinnern, dass nur ganz wenige Jahre später dieser Luis Durnwalder als Landeshauptmann (und nicht als politische Leiche!) der Gründungspräsident der Universität Bozen war.</p>
<p>Allerdings, als es später darum ging, eine feierlich Gründungsurkunde zu verfassen und alle möglichen und unmöglichen Vertreter von Vereinen und Verbänden eingeladen wurden, diese Urkunde als historisch wichtiges Dokument für Südtirol hinter Luis Durnwalder zu unterzeichnen, da meinte Landeshauptmannstellvertreter Otto Saurer gegenüber seinem Boss, dass dieser feierlich Akt nun eine Gelegenheit sein könnte, den Sepp Kusstatscher auch unterschreiben zu lassen und somit zu rehabilitieren. Luis Durnwalder soll das Ansinnen seines Stellvertreters aber sehr energisch abgelehnt haben. Der Elefant Durnwalder hat ein gutes Gedächtnis und verzeiht nie, auch nicht, wenn er selbst im Unrecht ist. Eine Majestätsbeleidigung ist und bleibt eine Beleidigung.</p>
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		<title>KAPITEL zehn &#124; Mein Verhältnis bzw. mein Unverhältnis zur Südtiroler Volkspartei</title>
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		<pubDate>Mon, 06 Apr 2009 21:28:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>

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		<description><![CDATA[Die meisten Aufsätze in diesem Büchlein sind Beschreibungen von Ereignissen aus meinem politischen Leben. Ein beachtlicher Teil davon spielt sich innerhalb der SVP ab. Deshalb will ich hier auch darüber reflektieren, wie ich zur SVP kam und wie konfliktbeladen mein Verhältnis manchmal war und warum ich schließlich austrat. Auch will ich hier ein paar ethnopolitische [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Die meisten Aufsätze in diesem Büchlein sind Beschreibungen von Ereignissen aus meinem politischen Leben. Ein beachtlicher Teil davon spielt sich innerhalb der SVP ab. Deshalb will ich hier auch darüber reflektieren, wie ich zur SVP kam und wie konfliktbeladen mein Verhältnis manchmal war und warum ich schließlich austrat. Auch will ich hier ein paar ethnopolitische Anmerkungen machen.</strong></p>
<p>Manch kritische/r Leser/in mag manches in diesem Kapitel beschönigend finden. Natürlich versuche ich mich zu rechtfertigen und verstehe so vieles wie so oft im Nachhinein besser.</p>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-68" title="buch-kap-10-ausschnitt-wahlbroschure" src="http://www.kusstatscher.info/buch/wp-content/uploads/2009/04/buch-kap-10-ausschnitt-wahlbroschure-titelseite.jpg" alt="buch-kap-10-ausschnitt-wahlbroschure" width="500" height="653" /><br />
<strong>1988 kandidierte ich für die SVP für den Südtiroler Landtag und wurde gewählt</strong></p>
<p><span id="more-18"></span>Obwohl mein Vater 1945 SVP-Gründungsmitglied war, Ortsobmann von Villanders und Ratsmitglied und eine Verwaltungsperiode lang auch Vizebürgermeister war, bis zu seinem Tode 1979 immer Mitglied dieser „Sammelpartei&#8221; der Südtiroler deutscher und ladinischer Sprache,  habe ich in meiner Jugendzeit eine durchaus kritische Distanz zu dieser Partei gehabt. Es mag zum Teil der elfenbeinerne Turm des Johanneums in Dorf Tirol ein Grund gewesen sein, dass Politik und Parteipolitik für mich zunächst einfach keine Bedeutung hatte. Die Polarisierung der Südtirolpolitik nach der Feuernacht 1961 und die Attentate hernach haben die ethnischen Fronten zwischen Deutschen und Italienern verschärft. Ich stand eindeutig auf der deutsch-tümelnden Seite. Das Buch „Südtirol - eine Frage des europäischen Gewissens&#8221;, herausgegeben von Franz Huter, war für mich fast die einzige umfangreichere Lektüre, aus der ich zunächst mein zeitgeschichtliches Wissen geschöpft hatte.</p>
<p>Im September 1968 besuchte ich die von Alexander Langer und Lidia Menapace organisierte zweisprachige Tagung in Bozen „Christliches Bewusstsein und Südtiroler Realität&#8221;. Es war das erste Mal, dass ich die mehrsprachige Realität auch aus der Sicht der Italiener aufgezeigt bekam. Die bewusst interethnische Ausrichtung des Priesterseminars in Brixen, wohl in erster Linie von Bischof Joseph Gargitter, dem Nachfolger des deutschnationalen Fürstbischofes Johannes Geissler bewusst so vorgegeben, bewirkte bei mir zusätzlich, dass ich ein durchaus unverkrampftes Verhältnis zu den Italienern bekam. Familiär bedingt und durch ein Umfeld in einer ausschließlich von Deutschsprachigen besiedelten Gemeinde hatte ich allerdings lange Zeit nur sehr wenig Freunde aus der italienischen Sprachgruppe.</p>
<p>Zu den Ladinern aus dem Grödner und Gadertal hatte ich von Anfang ganz „normale&#8221; Beziehungen, da diese mit uns Deutschsprachigen immer deutsch geredet haben. Die Grödner und die Gadertaler waren für mich immer gleich nahe- oder gleich fern stehend wie beispielsweise Vinschger oder Pusterer. Die Frage der Sprachgruppenzugehörigkeit oder einer völkisch anderen Zuordnung stellte sich einfach nicht. Leider!? Vielleicht hätte ich sonst etwas mehr Ladinisch gelernt. Diese Chance, von anderssprachigen Mitschülern deren Muttersprache zumindest in den Grundzügen kennen zu lernen, habe ich wie wohl die meisten meiner Altersgruppe gänzlich vernachlässigt. Obwohl Ladinisch älter als Deutsch und Italienisch ist, wurde diese als Nicht-Kultursprache und als nicht vollwertige Sprache  immer schief angesehen. Im Wort Krautwalsch spiegelt sich diese Geringschätzung wieder. Nicht einmal Christian Moroder hat uns im Johanneum ein paar Grundbegriffe beigebracht. Von ihm haben wir nur ein paar ladinische Schimpfwörter gelernt. Ein paar Stunden Latein oder Griechisch hätten wir zugunsten eines Elementarunterrichtes in Ladinisch durchaus abtreten können.</p>
<p>Ich belächelte und kritisierte als Student den Gleichschritt in der SVP. Ich konnte mit der strammen antiitalienischen Haltung so mancher Tiroler südlich und nördlich des Brenners einfach nichts anfangen. Da gab es einige Male ganz harte Diskussionen bei uns zu Hause mit einem Gendarmerie-Oberstleutnant aus Innsbruck, einem braun-schwarzen Vetter meiner Mutter, ebenso mit Mutters einzigem Bruder, der nach all seinen Erfahrungen als NS-Soldat und Kriegsgefangener in Russland sein Leben lang deutschnational geblieben ist.</p>
<p>Als ich vom SVP-Jugendreferenten von Villanders gefragt wurde, ob ich nicht in einer politischen Jugendgruppe mitmachen würde, war ich zunächst frappiert. Nach kurzer Überlegung sagte ich zu. Ich wollte ja mitreden und mitgestalten. Und auf Anhieb wurde ich im Winter 1969/70 selbst Jugendreferent, d.h. der Chef der so genannten Jungen Generation in der SVP der Ortsgruppe Villanders. In einer Dorfbildungswoche zu bildungspolitischen Fragen im Jänner 1970 habe ich in dieser neuen und ungewohnten Funktion viele unbequeme Fragen aufwerfen können, z.B. warum Bauernmädchen in einer Berggemeinde wie Villanders sozusagen keine Bildungschancen haben. Unbequem war auch die Behauptung, dass wir, wenn wir so weitermachen, zu einem Volk von Tellerspülern und Kellnerinnen für die Grödner würden&#8230; Laut Bildungsstatistik war Villanders damals eines der Schlusslichter in Südtirol. Der Anteil jener, die nach der Pflichtschule noch eine weiterführende Schule besuchten, war erschreckend niedrig.</p>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-73" title="sepp-kusstatscher-1974" src="http://www.kusstatscher.info/buch/wp-content/uploads/2009/04/sepp-kusstatscher-1974-4c1.jpg" alt="sepp-kusstatscher-1974" width="208" height="299" /><strong><br />
So schaute ich 1974 aus, das Foto entstand bei einer SH-Sitzung</strong></p>
<p>1973 wurde ich zum Vorsitzenden der Südtiroler Hochschülerschaft (SH) gewählt. Obwohl es zwischen der studierenden Jugend und der SVP nach 1968 ständig Spannungen gab, sah ich zunächst keinen Anlass, meine Mitgliedschaft in der SVP in Frage zu stellen. Allerdings war ich zu dieser Zeit weder auf Orts- noch auf Landesebene in der SVP aktiv. Als bei der von mir mitorganisierten Studientagung der SH über die „Universität Bozen&#8221; (siehe Aufsatz über „Universität Bozen&#8221;) die SVP in der Vorbereitung sehr halbherzig mitgemacht hat und im letzten Moment voll abgesprungen ist, war für mich klar, dass in dieser Partei für mich kein Platz sei. Zum Protest trat ich aus der Partei aus.</p>
<p>Dass ich dann so schnell wieder zur SVP zurückkehrte, mag manche verwundern. Als Parteiloser kandidierte ich in Villanders  bei den Gemeinderatswahlen im November 1974 auf der einzigen Liste, die es gab, nämlich auf einer Liste der SVP. Als ich dann Bürgermeister war und den SVP-Ortsobmann, selbst Mitglied des Gemeinderates, wegen meiner Parteilosigkeit in Schwierigkeiten brachte, zahlte ich 1975 schon wieder den Mitgliedsbetrag an diese sonderbare Sammelpartei. Zunächst hat mich nur die Gemeindepolitik bzw. die ganz praktische Gemeindeverwaltung interessiert. Da aber in Südtirol wohl mehr als anderswo alles parteipolitisch mitgesteuert wurde und wird, vom Land bis zur kleinsten Gemeinde, war ich der Meinung, so wie schon als Jugendreferent, gerade innerhalb dieser Partei Veränderungen bewirken zu können. Die 1976 gegründete Gruppe der „Arbeitnehmer&#8221; sprach mich besonders an. Mit Otto Saurer und anderen hatte ich schon aus den Zeiten der Hochschülerschaft gute Kontakte. Ich muss auch zugeben, dass in der damaligen Zeit unter Silvius Magnago und unter der starken Kontrolle Roms die SVP alles eher als allmächtig war, gerade auch, weil Magnago größten Wert darauf legte, dass es ein bestimmtes Gleichgewicht zwischen den verschiedenen sozialen Gruppen gab. Er unterstützte daher die jungen Landtagsabgeordneten Erich Achmüller und Rosa Franzelin beim Aufbau der Arbeitnehmerbewegung innerhalb der SVP.</p>
<p>Ich stehe voll und ganz zu dieser Phase meiner politischen Aktivitäten innerhalb der Südtiroler Volkspartei. Es war der Erfolg der „Arbeitnehmer in der SVP&#8221;, dass die ursprüngliche konservative Bauern- und Bürgerpartei SVP zu einer wirklichen Sammelpartei der deutsch- und ladinischsprachigen Südtiroler wurde. Die Sozial- und Gesundheitspolitik und weitgehend auch eine fortschrittliche Bildungs- und Umweltpolitik in Südtirol wurde von Arbeitnehmer-Exponenten wesentlich mitgeschrieben.</p>
<p>1985 habe ich nicht mehr für den Gemeinderat in Villanders kandidiert. Ich wollte mich politisch zurückziehen. Auch hatte ich die Absicht, mein Zweitstudium in Pädagogik in Klagenfurt abzuschließen. Meine Zusammenarbeit mit den Arbeitnehmern in der SVP war inzwischen eher auf Sparflamme.</p>
<p>Öfters wurde ich gefragt, ob ich nicht an einer Kandidatur für den Landtag interessiert sei. Bei einer langen Sitzung des Bezirkssozialausschusses (eine Struktur der SVP-Arbeitnehmer) in Brixen im Jänner 1988 ließ ich mich dann schließlich „weich klopfen&#8221;. Nach der darauffolgenden schlaflosen Nacht habe ich zugesagt und wurde im November 1988 mit einem relativ guten persönlichen Ergebnis an Vorzugsstimmen gemeinsam mit Erich Achmüller, Rosa Franzelin, Otto Saurer, Hubert Frasnelli und Robert Kaserer als Sechster in der Runde der Arbeitnehmer in den Landtag gewählt. Wir waren die stärkste und homogenste Gruppe innerhalb der SVP-Landtagsfraktion von 1988 bis 1993.</p>
<p>Erich Achmüller  war damals Vorsitzender der Arbeitnehmer. Als dieser 1989 Landesrat wurde, wurde ich vom Landessozialausschuss zum neuen Vorsitzenden gewählt. Auf einmal saß ich nicht nur im Parteiausschuss, sondern auch in der Parteileitung, gemeinsam mit Hubert Frasnelli in seiner Funktion als Vorsitzender der SVP-Landtagsfraktion. Der Machtapparat der SVP insgesamt war mir inzwischen alles eher als unbekannt. Was ich aber innerhalb des Spitzengremiums Parteileitung erlebt habe, war alles eher als erbaulich. Ich mag kritische Auseinandersetzungen gerne. Ich liebe politische Streitkultur bei der Suche nach bestmöglichen Lösungen. Aber so wie hier die Machtspiele und -spielchen betreiben wurden, entsprach nicht meinem Geschmack. Durch die Verlagerung der Macht von der Partei hin zum Landeshauptmann Durnwalder und durch die immer größere Medienmacht des Ebner-Clans im Hintergrund waren viele Diskussionen in den Parteigremien nur mehr eine Farce. Die steigende Macht des Landeshauptmannes, die neue Phase der Südtirolpolitik nach der so genannten Paket-Streit-Beilegung von 1992 und somit die weitgehende Bedeutungslosigkeit bzw. das Nachlassen der Kontrolle des italienischen Staates im politischen Alltag stellte immer offener die Frage nach einer Neugestaltung der politischen Landschaft in Südtirol. Wieso soll nach außen hin eine ethnozentrierte Politik der Deutschen gegen die Italiener vorgekaukelt werden, wenn hinter dem Rücken die Mächtigen über die Sprachgruppen hinweg ohnehin alles und jedes vereinbaren und vorherbestimmen. Wieso braucht es überhaupt eine deutsche Sozial-, Wirtschafts- und Umweltpolitik gegenüber einer italienischen? Es stellten sich wohl zum ersten Mal in so starkem Ausmaß Fragen, die von Alexander Langer schon oft aufgeworfen worden sind: Sind die volkstumspolitischen Grabenkämpfe nicht überhaupt obsolet? Wem nützen die ethischen Käfige? Wird die Welt insgesamt und auch Südtirol nicht immer multikultureller, so dass ethnische Aufparzellierungen einfach nicht mehr zweckmäßig sind. Cui bono?</p>
<p>Damals waren es alles noch Ketzer, die z.B. im Zusammenhang mit der Volkszählung 1991 in der Parteileitung und im Parteiausschuss abweichende Meinungen vorbrachten.  Man rüttelte sozusagen an den Säulen der SVP so wie jetzt, wenn eine perfekt zweisprachige Gemeinderätin von Bozen, bei der Volkszählung als Italienerin deklariert, innerhalb der SVP Politik machen will.</p>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-70" title="buch-kap-x-sk-magnago-atz-affare-okt-93-sudtirol-profil-500-px" src="http://www.kusstatscher.info/buch/wp-content/uploads/2009/04/buch-kap-x-sk-magnago-atz-affare-okt-93-sudtirol-profil-500-px.jpg" alt="buch-kap-x-sk-magnago-atz-affare-okt-93-sudtirol-profil-500-px" width="500" height="740" /></p>
<p><strong>1993 sorgten die forschen Sprüche von Roland Atz für Aufregung und kontroverse Debatten in der SVP. Zeitweise stand auch ein Austritt der Arbeitnehmer aus der SVP im Raum. Hier ein Foto vom Oktober 1993 aus dem &#8220;Südtirol Profil&#8221;</strong></p>
<p>1993 gab es wieder Landtagswahlen. Landeshauptmann Durnwalder soll bei Wahlversammlungen gesagt haben, dass die SVP eine sehr tolerante Partei sei. Der Beweis dafür sei, dass sogar Leute wie ein Sepp Kusstatscher Platz auf der SVP-Liste Platz hätten. Nicht ein Roland Atz mit seinen rassistischen Äußerungen war für Durnwalder ein Problem, sondern Leute wie Hubert Frasnelli und ich.</p>
<p>Ich wurde bei diesen Landtagswahlen nicht wiedergewählt und kehrte als Direktor an die Berufsschule nach Brixen zurück. Politisch wollte ich daraufhin keine besondere Rolle mehr spielen. Ich trat auch als Vorsitzender der SVP-Arbeitnehmer zurück. Für Durnwalder wurde ich weiterhin schlimmer wie ein Vertreter der Opposition behandelt. Ich könnte hier Beispiele anführen, wie das in einem Verwaltungsapparat wie eben in der Landesverwaltung immer wieder möglich ist. In dem kleinen Landl Südtirol läuft bald alles „durch Ihn, mit Ihm und in Ihm&#8221;!</p>
<p>Es wurde besser, als ich 1999 aus der SVP austrat. Das tat ich, als mein Freund und Kollege Hubert Frasnelli, ehemaliger Abgeordneter in Rom und jahrelang Fraktionsvorsitzender im Landtag, drei Jahre lang auch Parteiobmann-Stellvertreter aus der SVP ausgeschlossen wurde.</p>
<p>Am 20. September 1999 schrieb ich an das SVP-Sekretariat in Bozen:</p>
<p><em>„Austritt aus der Südtiroler Volkspartei</em></p>
<p><em> </em></p>
<p><em> In der Zeit, als Dr. Magnago die Hauptverantwortung für die Südtiroler Volkspartei hatte, war über weite Strecken innerparteiliche Sozialpartnerschaft möglich. Die erklärte Vertretung von Arbeitnehmerinteressen konnte damlas am runden Tisch der Sammelpartei mit einigem Erfolg wahrgenommen werden.</em></p>
<p><em>Die derzeitige „Führung&#8221; der Partei ist verantwortlich für eine immer stärkere ideologische Verschiebung nach rechts, für einen zunehmenden Verlust an innerparteilicher Demokratie, vor allem aber für die systematische Delegitimierung der Arbeitnehmerbewegung und damit für den Aufbau der Sammelpartei-Idee, entgegen der Formulierungen im Parteiprogramm.</em></p>
<p><em>Was in den letzten Monaten alles passiert ist, wäre emotional zum Weinen, ist jedoch rational betrachtet eine heitere Posse.</em></p>
<p><em> </em></p>
<p><em> Für Herrn Frasnelli ist kein Platz,</em></p>
<p><em> Man schützt jedoch als Typ den Atz.</em></p>
<p><em> Drum sag ich: SVP, ade!</em></p>
<p><em> Das Scheiden tut mir nicht mehr weh.&#8221;</em></p>
<p>Mein Unbehagen, das der SVP gegenüber immer stärker wurde, deckte sich weitgehend mit jener von Hubert Frasnelli, der im 2000 erschienenen Buch „Die Herrschaft der Fürsten&#8221; das politische Machtgefüge Südtirol ausgezeichnet analysiert hat.</p>
<p>Jetzt werde ich oft gefragt, wie mein Verhältnis zum SVP-Kollegen Michl Ebner im Europäischen Parlament sei. Mein Antwort kurz und prägnant: „So wie die Sprachgruppen in Südtirol. Ein friedliches Nebeneinander!&#8221;</p>
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