Feed auf
Postings
Kommentare

Wer meint, ich sei erfolgsverwöhnt, soll zumindest diesen Aufsatz lesen. Vom 1. September 1975 bis zum Sommer 1976 leitete ich gemeinsam mit meiner Frau das Südtiroler Kinderdorf in Brixen.

Als ich mich um diese Stelle bewarb, hatte ich nur vages Wissen über das Südtiroler Kinderdorf, das Jahre zuvor aus dem Verband der SOS-Kinderdörfer ausgeschlossen worden ist. Auch wusste ich nicht genau, warum Bischof Joseph Gargitter sein Patronat über das Südtiroler Kinderdorf schon bald nach der Gründung 1956 wieder zurückgelegt hatte.

buch-kinderdorf

Das Südtiroler Kinderdorf ist eine wichtige und nützliche Einrichtung - mit der einen oder anderen Schattenseite…

Als ich mich um die Stelle als „Dorfverwalter” in Brixen bewarb, ersuchte ich bei der Verwaltungszentrale in Meran um die Zusendung des pädagogischen Konzeptes des  Kinderdorfes und um eine genaue Beschreibung meines eventuellen Aufgabenbereiches. Als ich diese autoritär konzipierten und auf die Verwaltung konzentrierten Papiere gelesen hatte, teilte ich sofort mit, dass ich an dieser Stelle nicht mehr interessiert sei.

Adolf Erlacher, der Verwaltungsassistent des Kinderdorf-Obmannes Sebastian Ebner, ersuchte mich, meinen Rückzieher zu überdenken. Es könne sich im Kinderdorf nur etwas ändern und verbessern, wenn jüngere und kritischere Leute die Leitung übernähmen und Verbesserungen vorschlagen und durchführen würden. Ich schrieb sodann einen langen Brief mit den Bedingungen, unter welchen ich bereit wäre, für ein Jahr die Dorfleitung in Brixen zu übernehmen. Meine Hauptbedingung war, dass ich gemeinsam mit meiner Frau und den Kinderdorf-Müttern die letzte Verantwortung und somit die Entscheidung in allen pädagogischen Belangen haben will. Verwaltungsmäßig möchte ich nur untergeordnete Verantwortung tragen. Ich sei froh. wenn ich mich um Bilanzen und Finanzen nicht zu kümmern brauche.

Ich war etwas überrascht. Meine Forderungen wurden ohne Abstriche angenommen. Meine Frau und ich zogen mit unserer damals einjährigen Tochter Verena nach Brixen und bezogen die herrliche Wohnung des Dorfleiters. Montags Nachmittag und in der Regel zweimal am Abend war ich in Villanders, weil ich für dieses eine Jahr als Bürgermeister nicht zurücktreten wollte. Ich hatte jedoch die Absicht, nach diesem Probejahr im Kinderdorf im Falle eines Verbleibs das Amt des Bürgermeister abzugeben.

Es mag als Selbstlob klingen, wenn ich schreibe, dass wir durch eine Reihe von Veränderungen imstande waren, ein positiveres Klima unter den Mitarbeiterinnen zu schaffen. Außer mir und dem Hausmeister gab es damals nur weibliche Angestellte im Kinderdorf in Brixen, während im Verwaltungs- und Aufsichtsrat des Kinderdorf-Vereins und der Kinderdorf-Genossenschaft ausschließlich Männer saßen und mit einer Ausnahme alle bereits weit über 50 Jahre alt waren, gestandene Herren, allerdings zumeist mit großer Verwaltungserfahrung. Pädagoge war keiner dabei.

Eine „Maßnahme” unsererseits wurde von den Mitarbeiterinnen besonders gerne aufgenommen: die Aufwertung der elf Kinderdorfmütter, die in ihren elf Häuschen weitgehend autonom ihre sieben bis neun Kinder betreuen und erziehen durften und so auch erstverantwortlich waren für die schulischen Leistungen und selbstverständlich zu Schulsprechtagen gingen und zu Freizeiteinrichtungen Kontakt hielten. Wir, meine Frau und ich, fühlten uns mehr als Koordinatoren und Berater, wir organisierten Freizeitangebote, Lernhilfen und psychologische Beratung, wenn es erwünscht war. Auch waren wir Vermittler zwischen den Müttern und der Verwaltung in Meran, wenn es um Aufnahmen und Entlassungen ging. Wir empfanden es als unsere Hauptaufgabe, für einen reibungslosen Ablauf in der „Dorfgemeinschaft” mit knapp über 100 Kindern zu sorgen, ohne dass diese unsere Leitung als Leitung wahrgenommen wurde.

Seitens der Genossenschaftsverwaltung, bzw. seitens des Zentralbüros in Meran bekamen wir öfters Komplimente. Es waren zwar nicht viele Verwaltungsräte, mit denen wir zu tun hatten, sondern fast alles und jedes lief beim Gründungsobmann Sebastian Ebner zusammen, der schon seit 20 Jahren der unumschränkte Herr über sein Kinderdorf war.

Im Grunde war ein Happy End zu erwarten und wir gingen schon davon aus, dass wir nach dem einen Probejahr einen unbefristeten Vertrag unterzeichnen werden. Bei Absprachen mit Sebastian Ebner bezog sich dieser öfter auf unsere pädagogische Kompetenz und antwortete auf unsere Fragen fast floskelhaft: „Entscheiden Sie! Hier sind Sie zuständig!”

Eine einzige größere Differenz, an die ich mich erinnern kann und die wohl die Ursache für die Kündigung und die vorzeitige Entlassung war, war folgende:

Es stand die 20-Jahr-Feier für das Kinderdorf an. 1956 wurde es gegründet. 1976 sollte kurz vor Schulschluss eine große Feier mit Landeshauptmann Magnago stattfinden. Alle Details wurden besprochen. Mit der praktischen Durchführung wurde weitgehend ich vor Ort beauftragt. In einem Schreiben von Sebastian Ebner an mich war unter anderem auch festgehalten, dass ich im Hinblick auf die Jubelfeier mindestens ein Monat vorher ein Verbot fürs Fahrradfahren und Ballspielen verhängen sollte, um den Rasen zu schonen, der bei der Feier einen tadellosen Eindruck hinterlassen sollte.

Ich war damit nicht einverstanden und schrieb dies Ebner auch. Es mache keinen Sinn, sündteure Psychologen und Pädagogen aus Innsbruck zu konsultieren und gleichzeitig elementare pädagogische Aktivitäten wie Freizeitgestaltung und Spielen zu unterbinden.

Auf mein Antwortschreiben bekam ich keine Antwort. Ich merkte auch keine Verstimmung zwischen Herrn Ebner und mir. Im Gegenteil! Maria brachte am 20. Mai 1986 unsere zweite Tochter, die Elisabeth, zur Welt. Herr und Frau Ebner überraschten uns mit einem sehr großen Blumenstrauß und überschütteten uns bei einem Besuch durch die Familienangehörigen des verstorbenen Landeshauptmannes Karl Erckert, zu dessen Erinnerung eines der elf Familienhäuser im Kinderdorf den Namen trägt, mit viel Lob. Das war an einem Sonntag im Mai. Tags drauf, am Montagvormittag, kam der am Freitag zuvor abgesendete und eingeschriebene Brief aus Meran, mit dem man uns in recht trockenen Worten mitteilte, dass wir nach dem Probejahr nicht mit einer Vertragsverlängerung rechnen konnten.

Wir fielen aus allen Wolken. Aufregung herrschte auch im ganzen Kinderdorf, als diese Nachricht die Runde machte. Wir versuchten zu beruhigen, soweit wir konnten. Ich fuhr zwei Tage später nach Meran und wollte ein persönliches Gespräch mit Obmann Ebner führen. Frau Abart, die rechte Hand Ebners im Wirtschafts- und Kinderdorf-Büro in Meran, wollte dieses Gespräch verhindern und machte mir den Vorwurf, dass man nicht in einem solche Ton Herrn Ebner schreiben könnte, als es um das Fahrrad- und Ballspielverbot gegangen ist. Das war auch der einzige Hinweis, von dem ich ableiten konnte, dass dies auch der Kündigungs- bzw. Vertragsauflösungsgrund war.

Das Gespräch fand statt. Ich spürte nur mehr eisige Kälte und Entschlossenheit. Altersstarrsinn oder Aussitzen einer Entscheidung durch einen erfahrenen Makler. Auf meine eigentliche Frage nach den Gründen der Kündigung bekam ich nur die Antwort, dass er keinen Grund nennen müsse.

Ich fuhr nach Brixen zurück und teilte den Mitarbeiterinnen mit, dass mein Abgang definitiv sei. Ende Juli würde mein Dienst also auslaufen. Im August würde ich meinen Urlaub antreten. Es stand aber noch die 20-Jahr-Feier bevor. Dabei - so hatte ich die feste Absicht - sollten die Kinder und Mitarbeiterinnen, die Verwandten der Kinder, die Wohltäter, die Medien und die politisch Verantwortlichen ruhig aus erstem Munde erfahren, warum ich als 16. Dorfleiter im 20. Jahre des Bestehens des Kinderdorfes schon wieder ausgetauscht würde.

Ein Freundeskreis, der sich aus Schulleuten und gut bekannten in Brixen zusammengeschlossen hatte, hat mich beim Verfassen einer Ansprache beraten, damit ich ja kein Wort zu viel und zu wenig sagte.

Ein paar Tage vor diesem „Fest” gab es noch eine kurze Besprechung mit dem gesamten Verwaltungsrat im Kinderdorf selbst. Das erste Mal seitdem ich im Kinderdorf gearbeitet habe. Ich wurde wie ein Angeklagter vor einem Strafsenat zitiert und fühlte mich wie vor der Gestapo. Verwaltungsratsmitglied Franz Ladurner lobte mit kurzen und knappen Worten Sebastian Ebner, der uneigennützig das Kinderdorf aufgebaut und geführt hat. Mit vollem Einverständnis der Verwaltungsräte sei meine Entlassung beschlossen worden. Dann erhielt ich die Möglichkeit , mich zu Wort zu melden. Ich hatte mich gut vorbereitet und habe in Ruhe meine Position dargelegt.

Nur auf eine Anschuldigung meinerseits kam eine Reaktion. Ich meinte nämlich, dass Angstmachen eine der schlechtesten Erziehungsmethoden sei. Da meinte wieder Franz Ladurner, die anderen meldeten sich nicht zu Wort, dass Angstmachen auch ein bewährtes Mittel der Kirche gewesen sei.

Der Jüngste im Aufsichtsrat war bei dieser Sitzung nicht dabei und begründete seine Abwesenheit damit, dass er mit mir nicht reden wolle, weil er gehört hätte, ich sei antiautoritär eingestellt. Auf mein Ersuchen, man möge Beispiele für meine antiautoritäre Führung nennen, gab es in dieser Runde keine Antwort. Auch meine Haltung wegen des Fahrradfahrens und Ballspielens wurde nicht kritisiert. Die kurze Aussprache endete mit der Mitteilung, dass ich innerhalb von 24 Stunden das Kinderdorf zu verlassen hätte. Ich würde bis zum Ablauf der Kündigungszeit mit sofortiger Wirkung zwangsbeurlaubt. Bei der Übergabe der Schlüssel, von Kassa und allerlei  Dokumenten wurde alles durch Adolf Erlacher geprüft und protokolliert, dass alles „ordnungsgemäß” abgeschlossen worden sei.

Bürokratisch in Ordnung, pädagogisch untauglich, so hätte Sebastian Ebner als Gesamturteil in mein Dienstzeugnis schreiben müssen. Ich habe aber kein Dienstzeugnis verlangt und auch keines bekommen. Eigentlich überraschend, dass ich trotzdem schon drei Jahre später Direktor einer Berufsschule in Brixen wurde…

Kommentar abgeben