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Im Frühjahr 1974 organisierte die Südtiroler Hochschülerschaft (SH) eine Studientagung im Waltherhaus in Bozen zum Thema „Universität Bozen”. Ich war damals SH-Vorsitzender. Walter Gufler und Elmar Locher waren zusammen mit anderen Mitglieder im Vorstand. Wir wollten unbefangen das Pro und Contra für Hochschuleinrichtungen für Südtirol diskutieren.

In Vorbereitung auf diese Tagung gab es mehrere Treffen mit Vertretern der damals im Landtag vertretenen Parteien. Nur den MSI (Movimento Sociale Italiano, die Vorgängerpartei der Alleanza Nazionale) haben wir Studenten aus der Parteienrunde ausgeschlossen, weil er für uns als undemokratisch galt. Die SVP hat zu diesen vorbereitenden Besprechungen immer auch eine Vertretung geschickt, jedoch fast immer andere Personen als beim vorhergehenden Treffen. Die SVP-Abgesandten legten immer besonderen Wert auf die Feststellung, dass sie zwar die SVP verträten, aber im Namen der SVP keine offizielle Stellungnahme abgeben könnten bzw. dürften.

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Die SVP sperrte sich lange gegen eine Uni in Bozen - als ich sie als SVP-Landtagsabgeordneter im Rahmen der Haushaltsdebatte 1989 forderte, handelte ich mir einen groben Rüffel von Luis Durnwalder ein.

Wir Studenten gingen in unserem Demokratieverständnis sogar so weit, dass wir Assessor Anton Zelger, den damaligen SVP-Landesrat für Schule und Kultur, als einen der Hauptreferenten zu Beginn der Tagung vorgesehen hatten, obwohl wir wussten, dass die SVP und dahinter das Tagblatt Dolomiten sich schon seit jeher mächtig gegen eine Hochschuleinrichtung in Südtirol gestemmt haben. Eine Universität wäre - so wurde immer wieder eingewendet - wie die Industriezone Bozen ein Instrument zur Italienisierung Südtirols. Unsere Landesuniversität sei und bleibe Innsbruck.

Uns SH-lern ging es nicht so sehr darum, eine Universität für Südtirol zu fordern, sondern sine ira et studio zu prüfen, ob eine universitäre Einrichtung - oder eventuell auch eine postuniversitäre - für Südtirol sinnvoll und nützlich wäre, oder aber eine bewusste Entscheidung herbeizuführen, ob wir weiterhin die gesamte Aus- und Weiterbildung nach der Matura den Innsbruckern und Trientnern überlassen sollen.

Das Feuer war bei uns Studenten natürlich auf dem Dach, als uns unmittelbar vor Beginn der Tagung mitgeteilt wurde, dass am Nachmittag zuvor in der SVP-Parteileitung auf Antrag von Landesrat Alfons Benedikter entschieden worden war, keinen Vertreter zu schicken, d.h. die SH-Tagung zu boykottieren. Landesrat Zelger durfte also nicht zu unserer Tagung kommen. Die italienischen Parteien waren gut vertreten, ebenso die Südtiroler Fortschrittspartei mit Egmont Jenny. Auch Paolo Prodi, der damalige Rektor von Trient war bei der Vorbereitung und Durchführung dieser Tagung aktiv dabei. Insgesamt erhielt die Tagung durch die Abwesenheit der Regierungspartei SVP natürlich eine besondere Schlagseite gegen diese.

Ich erinnere mich nicht so sehr an Details der Tagung, jedoch sehr gut daran, dass die Tageszeitung Dolomiten am Tag nach unserer Eröffnungsveranstaltung einen großen und gehässigen Artikel gegen uns linke SH-eler und gegen jede wie auch immer geartete Diskussion in der Uni-Frage brachte. Da Josef Rampold als damaliger Dolomiten-Journalist am ersten und auch am zweiten Tag in den hinteren Rängen als Teilnehmer saß, habe ich ihn öffentlich angesprochen. Ich forderte ihn auf, uns zu begründen, wie es zu diesem Artikel hatte kommen können. Dieser entspreche überhaupt nicht dem Verlauf unserer Veranstaltung am Tag zuvor und sei inhaltlich eine Verdrehung von Tatsachen. Der sonst so stramme Josef Rampold antwortete uns kurz und bündig und in verblüffender Offenheit vor den Tagungsteilnehmern: „Wes Brot ich esse, des Lied ich singe.”

Im Spätherbst 1989 wurde das so genannte Ruberti-Gesetz verabschiedet, ein Hochschul-Reformgesetz, das in Italien die Lehrerausbildung auf Hochschulebene vorschrieb. Diese neue gesetzliche Lage nahm ich zum Anlass, um bei der Diskussion zum Haushaltsgesetz das Thema Universität im Landtag aufzuwerfen. Es ist im Südtiroler Landtag üblich, dass Abgeordnete, die sonst kaum die Diskussion über allgemeine, nicht auf der Tagesordnung stehende Argumente aufwerfen konnten, dies bei zwei Gelegenheiten tun können:  Nach der Programmvorstellung und der Regierungserklärung durch den designierten Landeshauptmannes und jährlich einmal im Zusammenhang mit der Genehmigung des Haushaltsvoranschlages.

Mir war sehr klar, dass es in der SVP immer noch eine abgrundtiefe Abneigung gegen eine eigene Hochschuleinrichtung gäbe. Daher habe nicht die Gründung, sondern ganz bescheiden nur eine Diskussion gefordert. Wörtlich sagte ich:

“(…) Allerdings, die Ansätze, die im Bericht des Landeshauptmannes drinnen sind, sind meines Erachtens viel zu bescheiden. Es ist zu wenig, wenn wir jetzt die Initiativen der letzten Jahre hernehmen, wo ein paar Schulversuche gemacht wurden, ein paar Zubauten und ein paar Renovierungen, das Pädagogische Institut eingesetzt worden ist. Sicher, alles positive Initiativen! Nur glaube ich, dass es Mut zu wirklich größeren Schritten bräuchte. Es sollte meines Erachtens wirklich die Schaffung universitärer Strukturen auch in unserem Lande ernsthaft studiert werden. (…)”

Landeshauptmann Durnwalder erteilte in seiner Replik mir gegenüber, der ich damals ja Mitglied seiner Partei war, öffentlich im Landtag eine so heftige Abfuhr, dass ich aufstand und den Sitzungssaal demonstrativ verließ.

Die Diskussion war aber nun losgetreten. Die Medien im Lande, vor allem die italienischen, reagierten sehr sensibel auf dieses Anliegen. Auch in der SVP wurde die Diskussion immer heftiger geführt. Magnago, Hosp und Durnwalder wollten zunächst jede Diskussion verhindern. Die Zeit war aber inzwischen reif und so bekam das Thema Universität eine bestimmte Eigendynamik. Gewerkschaften, Wirtschaftsverbände, sogar der Bauernbund, alle argumentierten mehr oder weniger zugunsten von universitären Einrichtungen. Das Wort Universität oder Hochschule kam vielen Leuten nur sehr stockend über den Mund.

An eine Aussprache im engen Kreise erinnere ich mich noch gut. Ich ging als Vorsitzender der SVP-Arbeitnehmer gemeinsam mit dem SVP-Wirtschaftssprecher Christoph Amonn und mit Martha Stocker, der damaligen Vorsitzenden des SVP-Ausschusses für Schule und Kultur, in das Büro des Landeshauptmannes Luis Durnwalder. Wir wollten ihn überreden bzw. überzeugen, dass er in der Universitätsfrage nicht länger eine so ablehnende Haltung einnehmen dürfe. Er zeigte uns aber ganz offen die kalte Schulter und meinte, dass eine Uni in Südtirol für ihn nicht in Frage käme. Wörtlich: „Nur über meine politische Leiche!”

Alle, die die Entwicklung der Universität in Bozen auch nur oberflächlich verfolgt haben, können sich aber sicher noch gut daran erinnern, dass nur ganz wenige Jahre später dieser Luis Durnwalder als Landeshauptmann (und nicht als politische Leiche!) der Gründungspräsident der Universität Bozen war.

Allerdings, als es später darum ging, eine feierlich Gründungsurkunde zu verfassen und alle möglichen und unmöglichen Vertreter von Vereinen und Verbänden eingeladen wurden, diese Urkunde als historisch wichtiges Dokument für Südtirol hinter Luis Durnwalder zu unterzeichnen, da meinte Landeshauptmannstellvertreter Otto Saurer gegenüber seinem Boss, dass dieser feierlich Akt nun eine Gelegenheit sein könnte, den Sepp Kusstatscher auch unterschreiben zu lassen und somit zu rehabilitieren. Luis Durnwalder soll das Ansinnen seines Stellvertreters aber sehr energisch abgelehnt haben. Der Elefant Durnwalder hat ein gutes Gedächtnis und verzeiht nie, auch nicht, wenn er selbst im Unrecht ist. Eine Majestätsbeleidigung ist und bleibt eine Beleidigung.

1 Kommentar auf “KAPITEL neun | Universität Bozen 1974”

  1. Ross sagt:

    underbrush@windowpanes.finisher” rel=”nofollow”>.…

    ñïñ çà èíôó!…

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