Nicht weil ich Lust daran hätte, alte Tabus zu brechen, sondern weil ich der Überzeugung bin, dass die zweite Landessprache so früh wie möglich gelernt werden soll, ja, dass überhaupt sehr frühes Sprachenlernen von Vorteil ist, habe ich schon als SVP-Mandatar für die Förderung früher Mehrsprachigkeit gekämpft.
Vielfach war es ein Kampf gegen Windmühlen. Ein Grund mag auch sein, dass mein Zugang zur zweiten Landessprache und meine mangelhaften Kenntnisse moderner Sprachen überhaupt bei mir ein wesentliches Motiv waren und sind, dass ich die Lernbedingungen für nachfolgende Generationen in Südtirol immer schon ändern wollte.

Es gibt keinen Grund, warum unsere Kinder und Enkel in Südtirol nicht von klein auf mehrsprachig aufwachsen sollten
Ich muss hier wohl einen kleinen Beweis liefern, dass diese Einstellung nicht erst aufgrund meiner Mitgliedschaft bei den Grünen-Verdi-Verc mit der bekannten Aufgeschlossenheit für interkulturelle Themen und somit für Mehrsprachigkeit und Vielfalt entstanden ist, sondern eher umgekehrt, dass ich deshalb bei den Grünen gelandet bin, weil dort neben der ökologischen Ausrichtung die kultur- und bildungspolitisch größere Aufgeschlossenheit für mich überzeugender und zukunftsgerichteter anzutreffen war.
Vor 15 Jahren war die Forderung der italienischsprachigen Südtiroler nach einem zweisprachigen Kindergarten wieder einmal besonders stark. Am 21. September 1992 befasste sich der Parteiausschuss des SVP mit dieser Frage. Ich zitiere bloß einen Absatz aus dem „Entwurf zur Entschließung des Parteiausschusses zur Zweisprachigkeit im Kindergarten”, wohl von Parteisekretär Hartmut Gallmetzer vorformuliert:
„Es ist allgemein ersichtlich, das die Lehrerfolge beim Zweitsprachenunterrricht an der italienischen Schule, der den Schulpflichtigen im Schnitt zwölf bis dreizehn Jahre lang erteilt wird, unzureichend sind. Daher ist nicht einzusehen, dass der Zweitsprachenunterricht eine Besserung schaffen würde, wenn die eigentliche Schule, in der die besten Voraussetzungen dafür bestehen sollten, bisher versagt hat. Solange die Möglichkeiten im gegebenen Rahmen nicht voll ausgeschöpft werden, sind die einschlägigen politischen Forderungen von italienischer Seite nicht glaubhaft.”
Ungeheuerlich! Wenn ich dieses Veto der Regierungspartei mit absoluter Mehrheit gegenüber der italienischen Sprachgruppe jetzt 15 Jahre später lese, so wundere ich mich, dass ich es überhaupt und so lange bei der SVP ausgehalten habe. Es war mehr als eine Eselsgeduld mit ewiggestrigen Rassisten.
Als Landtagsabgeordneter und Vorsitzender der SVP-Arbeitnehmer und somit als Rechtsmitglied der Parteileitung und des Parteiausschusses kämpfte ich dafür, dass wir, die wir unsererseits immer eine Nichteinmischung seitens der Italiener verlangt haben und verlangen, auch umgekehrt großzügiger bei den Forderungen der italienischen Sprachgruppe sein müssten. Da ich mich bei diesem für die SVP so heiklen Thema schriftlich vorbereitet habe und mich bei meinem Statement stark an das fast vier Seiten lange Manuskript gehalten habe und da meine Ausführungen von damals auch heute noch in der SVP weitgehend ein Tabuthema betreffen, will ich hier ein paar Passagen zitieren.
Eingangs verwies ich in meiner Stellungnahme auf eine Reihe von Sprachwissenschaftlern, die das spielerische Erlernen von Sprachen im Vorschulalter ziemlich einhellig befürworteten. Ich zitierte unter anderem einen Forschungsbericht, den damals Frau Traute Taeschner im Auftrag der Landesregierung erstellt hatte: „Wenn man erreichen will, dass die Jugendlichen tatsächlich die zweite Sprache sprechen, dann muss man bereits im Kindergarten anfangen, eben weil das Erlernen einer Sprache Zeit braucht.”
Sogar auf Otto von Habsburg habe ich verwiesen, der auf einer Tagung in Brixen einige Zeit vorher „eine möglichst früh angesetzte Mehrsprachigkeit für die Entwicklung des Kindes und für die europäische Realität gefordert” hat.
Wörtlich sagte ich in der Parteileitung; „Wir gehen in Südtirol allgemein davon aus, dass jede Sprachgruppe ihre Kultur- und Bildungspolitik macht. Wir wollen nicht, dass die Italiener uns dreinreden und wir sollten das auch bei den Italienern respektieren. Auch sollten wir folgendes bedenken: Den Ladinern, der schwächsten Volksgruppe, muten wir sehr frühe Mehrsprachigkeit zu. Und die Ladiner selbst wollen daran festhalten. Daher warne ich davor, dass wir den Italienern verbieten, bereits im Kindergarten deutsch zu lernen bzw. dass sie so wie die Ladiner eigene Modelle wählen.”
Folgende Hauptgründe habe ich „für Deutsch im italienischen Kindergarten” angeführt:
1. Die Italiener wünschen es mit einer übergroßen Mehrheit (93,5 % der Eltern)
2. Wir haben bisher immer bedauert, dass die Italiener zu wenig deutsch lernen.
3. Die Italiener haben nicht wie wir das Problem der ausgeprägten Dialekte.
4. International versteht uns niemand, wenn wir auf der derzeitigen Regelung beharren.
Weiters habe ich auf die „Mehrsprachigen” verwiesen: „Die Tagung der Kindergärtnerinnen im Unterland am 2. September 1992 und die Untersuchung von Kurt Egger haben vor Augen geführt, dass die Mehrsprachigen nicht übersehen werden dürfen. 7.000 mehrsprachige Familien verbieten den Slogan: ‚Je besser wir uns trennen, desto so besser verstehen wir uns.’ Wir sollten die Tore unserer Kindergärten und Schulen für die Kinder aus diesen Familien sehr weit öffnen. Es kann für manche Familie die letzte Chance sein, dass ihr Kind gut zweisprachig wird…”
Ein weiteres Zitat aus meiner Darlegung: „Das Festhalten an der Entscheidung von 1980 (‚Ja zur Zweisprachigkeit - Nein zur Mischkultur!’) wird allzu leicht zu einem Dogma gegen eine zweisprachige Gesellschaft… Wenn wir stur und stramm bei der Entscheidung von 1980 bleiben, können wir sicher sein, dass es erneut einen politischen Scherbenhaufen geben wird. Für das Überleben unserer Volksgruppe ist nicht der Abwehrkampf gegen alles ‚Andersartige’ wichtig, sondern viel mehr, dass unsere Leute besser ausgebildet sind als die anderen. Das gilt vor allem für die Sprachkompetenz.”
Jetzt, 15 Jahre später, stelle ich fest, dass sich sehr viele Volkstumspolitiker noch genau gleich schwer tun, die Mehrsprachigkeit als Chance zu sehen. Sie sehen immer noch die Gefahr der Italienisierung. Diese Angst macht sie dumm und asozial. Oder ist es höheres parteipolitisches Kalkül, das ich nie verstanden habe? Der ethnisch motivierte Konflikt unter den Sprachgruppen erleichtert es, Fronten aufzubauen und volkstumspolitisch ausgerichtete Parteien als Allheilmittel zu preisen.