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Zunächst habe ich nur geschmunzelt. So ungeheuerlich war der Vorwurf, dass ich ihn nicht wahrhaben wollte. Die Staatsanwaltschaft von Bozen teilte mir mit, dass gegen mich ermittelt würde, und forderte mich auf, einen Rechtsanwalt zu benennen. Grund dafür waren mehrere Strafgesetzartikel, gegen welche ich verstoßen haben soll: Verursachung einer Epidemie, Lebensmittelvergiftung, Wasserverseuchung, mehrfache Körperverletzung, Unterlassung und Willkür in Amtshandlungen.

Was hatte ich getan, bzw. was hatte ich nicht getan? Was war passiert?

Es war am Ende des Schuljahres 1977. Nur noch wenige Tage fehlten bis zum Schulschluss. Ich arbeitete damals als Verantwortlicher für berufliche Weiterbildung im so genannten Berufsschulinspektorat in Bozen bei Dr. Karl Kuppelwieder. Wenn ich aus Bozen abends heimwärts fuhr, ging ich immer zuerst in die Gemeinde, um das Neueste zu erfahren und um vordringliche Dokumente zu unterschreiben. Anfang Juni 1977 fiel mir auf, dass schon mehrere Tage hintereinander ein oder zwei Zettelchen vom Amtsarzt Dr. Josef Sullmann auf meinem Schreibtisch lagen.

Es waren Durchschriften seines Meldeblockes, mit welchen er bei ansteckenden Krankheiten den Landesamtsarzt und zur Kenntnis den Bürgermeister der betroffenen Gemeinde informierte. Als ich nun zum fünften oder sechsten Male die gleiche Nachricht über das Vorhandensein der Hepatitis-Virus-B-Infektion, griff ich zum Telefon. Ich wollte mich erkundigen, was ich als Bürgermeister tun könnte bzw. müsste. Der Amtsarzt meinte am Telefon, dass es sich um etwas Schwerwiegendes handle und dass er daher sofort zu mir ins Gemeindeamt käme. Dr. Sullmann wohnte in Klausen und stand eine Viertelstunde später vor mir im alten Frühmesshaus, wo damals die Gemeindeämter notdürftig untergebracht waren.

Ich muss hier vorausschicken, dass ich kurz vorher einen Konflikt mit diesem Amtsarzt hatte. Aufgrund des schulärztlichen Dienstes musste der jeweils beauftragte Arzt einmal monatlich das Schulgebäude inspizieren und zweimal jährlich bei allen Pflichtschülern eine Visite durchführen. Für diesen Dienst standen dem Arzt 2.000 Lire pro Schulkind zu. Laut Bericht des Schulleiters war Dr. Sullmann während des ganzen Schuljahres aber nur ein einziges Mal im Schulgebäude und hat mit Unterstützung des Lehrpersonals in knapp zwei Stunden rund 190 Grundschüler untersucht. Auf meinen Vorschlag hin genehmigte der Gemeindeausschuss für diesen schlampigen Dienst nur 1.000 Lire anstatt 2.000. Auf die Beschwerde von Dr. Sullmann reagierte ich mit einer Eingabe bei der für das Gesundheitswesen zuständigen Landesrätin Frau Waltraud Gebert-Deeg, weil es meines Erachtens mehrere Punkte mit Dr. Sullmann zu bereinigen galt. Diese Eingabe verlief jedoch in den Sand. Bei einem Gespräch mit Landeshauptmann Dr. Silvius Magnago fragte mich dieser, ob ich nachweisen könne, dass Dr. Sullmann bewusst jemand umgebracht hätte. Nein, nachweisen, dass Dr. Sullmann bewusst jemand umgebracht hätte, nein, das könne ich nicht. Dann sagte Magnago schlussfolgernd: „Ich werde gegen keinen Arzt mehr etwas unternehmen, wenn ich nicht beweisen kann, dass dieser bewusst jemand umgebracht hat.”

Dr. Sullmann kam also zu mir in Gemeindeamt und teilte schon beim Eintreten mit, dass er nun ein Zweifaches erreicht habe. Ich würde als Bürgermeister den Hut nehmen müssen und die Touristen müssten im kommenden Sommer von Villanders fernbleiben. Ich bemühte mich um Ruhe und ersuchte den Herrn Doktor Platz zu nehmen und mir zu erklären, was wirklich passiert sei und was zu unternehmen sei.

Dr. Sullmann nahm mir gegenüber Platz und meinte lakonisch. „Das Trinkwasser in Villanders ist Scheiße.” Der Trinkwasserverbrauch sei sofort zu untersagen, mittels Tankautos sei die Trinkwasserzufuhr zu garantieren und die Gastbetriebe seien alle zu sperren.

Ich musste tief durchatmen, um nicht die Fassung zu verlieren. Ich forderte den Amtsarzt auf, seine Forderungen zu verschriftlichen. Ich würde dann all das tun, was gesetzlich verlangt ist. Dr. Sullmann schrieb dann mehr oder weniger das nieder, was er zuvor gesagt hatte. Daraufhin erklärte ich ihm, dass ich die entsprechenden Verordnungen mit Unterstützung des Gemeindesekretärs noch am gleichen Abend verfassen würde, dass ich jedoch all jene Wasserquellen ausnehmen werde, die durch letzthin erfolgte Wasseranalysen als trinkbar erklärt worden seien. Und ihn als Amtsarzt würde ich sofort schon mit der Durchführung all dessen beauftragen, was in dieser Verordnung festgehalten werden müsse. Mit lachendem Gesicht erwiderte Dr. Sullmann, dass er ab sofort in Urlaub sei. Und er teilte mit, dass ihn Dr. Kelderer vertreten würde.

Um den Sachverhalt besser zu verstehen, muss ein Zweifaches erklärt werden: Dr. Sullmann war der Überzeugung, dass verseuchtes Wasser die Ursache der Hepatitis B war. Und: Villanders war damals erst dabei, eine erste größere Wasserleitung zu bauen. Die meisten Haushalte waren durch private Wasserleitungen aus teilweise schlampig gefassten Quellen versorgt.

Nach dem Fortgehen des Amtsarztes rief ich sofort den Landesamtsarzt Dr. Verdi an und versuchte ihm die Sachlage zu erklären. Er empfahl mir, wie die Verordnungen zu machen seien, und versprach, dass er sofort einen Tankwagen der Landesfeuerwehr bestellen werde und dass er mir sofort tags darauf drei Hygienefachleute schicken werde, um schnellstens die notwendigen Wasseranalysen durchzuführen. Ich habe zwei Tage Urlaub genommen, um bei den Hausbesuchen durch die Hygieneinspektoren vor Ort die Leute aufklären und beruhigen zu können.

Zum Glück war überall dort, wo Kinder an Hepatitis erkrankt waren, das Wasser in Ordnung, und bei den zehn oder zwölf Quellen, die bakteriell und z.T. auch fäkal verseucht waren, dort gab es keine Krankheiten. Auch beruhigte mich ein gut bekannter Hygienearzt aus Deutschland sofort schon, dass Hepatitis B verschiedene Ursachen haben kann, jedoch niemals seien Wasser oder schlechte Nahrungsmittel die Ursache.

Die Zahl der Hepatitis-Erkrankung stieg weiter an. Im Hochsommer 1977 musste die gesamte Bevölkerung von Villanders sich innerhalb von drei Tagen Blutproben unterziehen. Man muss sich vorstellen, wie umständlich und aufwändig das damals war, als noch die Hälfte der Leute im Sommer auf der Alm waren und vielfach nur zu Fuß das Dorf erreichten. Aufgrund der Blutproben wurden weitere Infizierte ausgemacht, auch solche, die nur passiv Träger des Virus waren und sich gesund gefühlt haben. Insgesamt 32 Personen mussten sich in diesem Sommer für einige Tage zur Beobachtung in die Isolierstation des Krankenhauses Brixen begeben.

Im Spätherbst 1977 bekam ich die Mitteilung von Staatsanwalt Anania, dass gegen mich in dieser Angelegenheit ermittelt würde. Ich beauftragte nicht nur einen Rechtsanwalt, sondern auch auf dessen Empfehlung hin zwei Professoren von Padua mit dem Erstellen von Gegengutachten. Inzwischen wurden von Gerichtsbeamten alle Bauakte von Villanders ab dem 1. Jänner 1973 sequestriert und verschiedene andere Untersuchungen eingeleitet, die nichts mit Hygiene zu tun hatten, z.B. eine genaue Überprüfung, ob die Gemeinde die Werbesteuer sorgfältig erhoben und eingetrieben hätte, ob Buchhaltung und Finanzen in Ordnung seien, und Almhütten, die schon zwanzig Jahre lang standen wurden geprüft, ob dafür Bau- und Benützungsgenehmigungen ordnungsgemäß ausgestellt worden seien… Kurzum, ich wurde wie ein Krimineller behandelt, auch für viele Sachen, die in eine Zeit fielen, wo ich noch lange nicht Bürgermeister war. Es war nicht nur die Gerichtsbehörde, die alles unter die Lupe nahm, auch die Finanzämter und die Aufsichtsbehörde des Landes. Besonders mies behandelt wurde ich vom Urbanistiklandesrat Dr. Alfons Benedikter.

Wie ging die Affäre weiter? Jung und naiv wie ich war, ich nahm alles eher auf die lockere Schulter. Auch hatte ich absolut kein schlechtes Gewissen. Heute weiß ich, dass man auch mit bestem Wissen und Gewissen im Räderwerk der Gerichtsbarkeit arge Probleme bekommen kann. Heute würde ich es sicher nicht mehr so locker nehmen.

Über meinem Rechtsanwalt erfuhr ich ca. ein Jahr später, dass der Untersuchungsrichter nicht bereit war, die Unterlagen von der Staatsanwaltschaft entgegenzunehmen. Die Staatsanwaltschaft hätte die Kompetenzen überschritten. Meine Akte lag nun mehr oder weniger unberührt beim Staatsanwalt Anania. Im Herbst 1979 erfuhr ich aus den Medien, dass Dr. Anania nach Lucca in die Toscana versetzt werden soll. Man redete von einer Art Strafversetzung, nicht meinetwegen, beileibe nicht, sondern wegen anderer Vorkommnisse, wo sich dieser Staatsanwalt mehr als sonderbar verhalten hätte. Ich wurde noch gelassener als zuvor und hoffte auf eine Archivierung der ganzen Angelegenheit. Es kam aber anders.

Sieben Tage Gefängnis

Am Mittwoch, 7. November 1979, läuteten kurz vor sieben Uhr in der Früh drei Herren in Zivil von der Carabinieristation in Klausen an meiner Haustür. Auf meine Frage, was sie bräuchten bzw. ob was vorgefallen sei, was sie bei mir als Bürgermeister zu melden hätten, entschuldigten diese Herren sich zwei- und dreimal wegen der Störung so früh am Morgen. Dann drückten sie mir einen Zettel in die Hand. Ich sah die „Ordinanza” der Staatsanwaltschaft und las die Überschrift: „Ordine di cattura”. Sie hätten mich im Auftrag von Staatsanwalt Anania noch am Tag zuvor am späten Abend holen sollen. Aus menschlichen Gründen hätten sie sich jedoch geweigert, einen Familienvater in der Nacht aus dem Bett zu holen. So haben sie mir mitgeteilt. Sie mussten aber versprechen, mich zu Hause „abzuführen”, bevor ich tags darauf zur Arbeit fahren würde.

Ich durfte noch in aller Ruhe den Bürgermeister-Stellvertreter und den Gemeindesekretär sowie meinen Stellvertreter und die Sekretärin in der Schule anrufen. Seit kurzem war ich nämlich Direktor an der Berufsschule für Handel, Handwerk und Industrie in Brixen. Auch konnte ich in Ruhe meinen Koffer packen, obwohl mir niemand sagen konnte, ob diese Untersuchungshaft einen Tag, eine Woche oder länger dauern würde. Ich nahm alle Unterlagen mit, die ich im Zusammenhang mit der Anzeige von Anania gesammelt hatte, ebenso das neu erschienene Buch „Eingeklemmt”, mit Texten von Norbert C. Kaser, und ein bisschen Wäsche.

Bei der gründlichen „Identifizierung” in der Carabinieri-Station in Klausen mit Befragungen, mit Portrait-Fotos von vorne sowie von der rechten und von der linken Seite und der Aufnahme von Fingerabdrücken aller zehn Finger wurde mir klar, dass ich nun zur Kategorie der Schwerverbrecher zähle.

Im Gefängnis in der Dantestraße in Bozen bekam ich Einzelhaft. Die Aufnahme war eine Demütigung. Sie nahmen mir Gürtel, Schuhriemen, alle Dokumente und das Geld ab, gaben mir einen alten Blechteller und verbogenes Besteck und führten mich in eine kleine dreckige Zelle. Über das vergitterte Fenster sah ich den leicht verschneiten Kohlerer Berg. Auf keine der vordringlichen Fragen konnte mir jemand eine Antwort geben: Wieso ich mehr als zwei Jahre nach dem Vorfall der  Gelbsuchtepidemie in Untersuchungshaft gesteckt werde? Wie lange ich hier bleiben muss? Wann endlich das Ermittlungsgespräch („istruttoria”) mit dem Staatsanwalt stattfinden werde? Nur folgende Frage konnten mir die Gefängniswärter beantworten, nämlich, dass Telefonieren verboten sei, dass die hinausgehende Post kontrolliert würde und dass interessierte Besucher die entsprechende Erlaubnis bei der Staatsanwaltschaft einholen müssten, dass jedoch jeder Besuch überwacht würde.

Ich machte mir in den folgenden Tagen öfters den Gedanken, wie es wohl Ausländern, die sich sprachlich nicht verständigen können und die nur eine Pflichtverteidigung bekommen, ergehen würde, und noch mehr, wie der Strafvollzug wohl in diktatorischen Staaten ausschauen dürfte, wenn schon das demokratische Italien mit bekanntlich eher antiautoritären Beamten mit einem bisher gänzlich unbescholtenen Bürger so umspringt.

Es war ein Mittwoch, als man mich einsperrte. Ich richtete meine Zelle zurecht und fing an zu lesen und zu schreiben. Ich las das N.-C.-Kaser-Buch und Anklageschriften, Zeitungsartikel, Tagebuchnotizen und Dokumente im Zusammenhang mit der Gelbsuchtepidemie. Nebenbei bereitete ich mich auf ein Gespräch vor, das doch endlich der Staatsanwalt mit mir führen würde. Ich war von der Außenwelt gänzlich abgeschnitten. Nur über das Fernsehen, das es damals schon in jeder Zelle gab, konnte ich die italienischen Fernsehprogramme empfangen und so erfuhr ich auch, dass Staatsanwalt Anania kurz vor seiner Versetzung noch drei Aufsehen erregende Verhaftungen angeordnet hätte, darunter auch der Bürgermeister von Villanders, der wegen verseuchtem Trinkwasser und wegen der Auslösung einer Gelbsuchtepidemie angeklagt sei. Es wurde auch über Pressemitteilungen des Gemeindenverbandes und Sympathiebekundungen durch die SVP-Arbeitnehmer berichtet.

Am Samstagnachmittag, also drei Tage noch meiner Verhaftung, kamen Staatsanwalt Anania mit meinem Rechtanwalt Alberto Valenti zu mir ins Gefängnis. Das fast zwei Stunden lange Gespräch, das Anania mit mir geführt hat, war mehr ein Streitgespräch, weniger ein Verhör. Zum Schluss diktierte er seiner Sekretärin ins Verhörprotokoll, dass der Angeklagte weiterhin in Haft bleiben müsse. Auf meine Frage, wieso er zu diesem Schluss komme. Die Ermittlungen seien doch schon vor mehr als einem Jahr abgeschlossen worden, sodass keine Verdunkelungsgefahr bestünde. Auch sei eine Fluchtgefahr wohl mehr als unwahrscheinlich. Da hätte ich ja schon mehr als zwei Jahre lang die Möglichkeit dazu gehabt. Anania antwortete bissig ironisch. Er sei mir keine Antwort schuldig, wie er diesbezüglich überhaupt bei niemandem sich rechtfertigen und seine Entscheidung nicht begründen müsse.

Ich saß noch weitere vier Tage im Gefängnis. Nach diesem Besuch durch den Staatsanwalt verfasste ich ein Rücktrittsschreiben als Bürgermeister an den Gemeinderat Villanders. Ich war der Überzeugung, dass es für eine Gemeinde nicht zumutbar sei, einen Bürgermeister zu haben, der unter so schwerer Anklage steht.

Die Aufsichtsbeamten im Gefängnis waren sehr menschlich. Obwohl ich in Einzelhaft war, erlaubte man mir, untertags in den Gefängnishof zu gehen, mit anderen Gefangenen Flugball zu spielen und so mit diesen ins Gespräch zu kommen. Einerseits genoss ich die Einzelhaft zum Lesen, meditieren und Schreiben, andererseits war ich neugierig, wen ich hier wohl antreffen würde. Ich erfuhr von Biografien von Leuten, die vom Schicksal verfolgt und dann auch von der Justiz verfolgt wurden, Leute, gar einige Leute, die meines Erachtens ganz zu Unrecht in Haft saßen. In zwei „Fällen” erfuhr ich auch, wie sie als Werbung in einem politischen Prozess für einen SVP-Staranwalt missbraucht werden und monatelang sitzen, ohne über ihre Zukunft Bescheid zu wissen. Ich empfahl ihnen, einen jüngeren Rechtsanwalt zu nehmen, der weniger kosten würde und der sich höchstwahrscheinlich um eine viel schnellere Rechtssprechung bemühen würde. In einem „Fall” ersuchten mich die Gefängniswärter, ich möge einen jungen Mann aus einem Seitental im Burggrafenamt kommen. Sie könnten sich mit ihm nicht unterhalten, weil er nicht italienisch und sie nicht deutsch verstünden. Dieser Herr sei untröstlich und weine nur. Dieser junge Mann ist auch aufgrund einer mehr als zweifelhaften Anzeige urplötzlich vom Hof und von der Familie weg in Untersuchungshaft gesteckt worden. Ich konnte dem armen Heiter unmittelbar kaum helfen. Er konnte sich aussprechen. Ich habe ihm empfohlen, meinen Rechtsanwalt zu nehmen. Dr. Valenti war dann auch imstande, diesen meines Erachtens gänzlichen unschuldigen Menschen bald aus dem Gefängnis zu holen und bald auch einen vollen Freispruch zu erwirken.

Ich möchte diese sieben Tage in meiner Biographie nicht missen. Ich habe in dieser Woche viel mehr gelernt als in manch anderen Wochen. Zwei Dinge sind mir klar geworden: 1. Wirkliche Verbrecher kommen wohl selten ins Gefängnis. 2. Das Gefängnis, so wie ich es erlebt habe, dient sicher nicht zur Besserung von Straftätern. - Diese sieben Tage scheinen auch in meiner Renten-Biografie auf. Ich wurde von der Landesverwaltung vom 7. bis 13. November 1979 vom Dienst suspendiert und dann am 14. November wieder neu in den Dienst aufgenommen.

Positiv war sicher auch die Erfahrung, dass hinter vielfach unverständlich aufgebauten Strukturen, wie ich Justiz und Strafvollzug erlebt habe, es doch auch Leute mit Herz und Hausverstand gibt. Ich denke noch mit Sympathie an die Wärter im Gefängnis.

Wie ging meine Justiz-Affäre aus? Soweit mir bekannt ist, wurde in der Zeit zwischen meiner Haft und der entscheidenden Sitzung beim Gericht keine weitere Ermittlung gemacht. Staatsanwalt Anania wurde ja noch im November 1979 nach Lucca in die Toscana versetzt, später kam er ins Innenministerium nach Rom. Soweit ich erfahren habe, waren diese Versetzungen keine karrieremäßigen Beförderungen, sondern Verwaltungsmaßnahmen gegen dessen Willen.

Mein im Gefängnis formuliertes und am 14. November eingereichtes Rücktrittsgesuch wurde vom Gemeinderat Villanders in geheimer Abstimmung einstimmig abgelehnt. Im Ablehnungsbeschluss vom 21. November steht als Begründung unter anderem: „Auf seine Initiative hin ist es möglich gewesen, durch die Gemeindeverwaltung und durch das von ihm zur Gründung vorgeschlagene und bis vor wenigen Monaten geführte Bodenverbesserungskonsortium gerade jene Infrastrukturen erstellen zu lassen, die für diese Gemeinde im hygienischen, sanitären und verkehrstechnischen Bereich von grundlegender Wichtigkeit sind, und zwar den Bau von Wasserleitungen und Straßen zur Erschließung der Berghöfe. Es muss hier also hervorgehoben werden, dass durch den von Bürgermeister Kußtatscher betriebenen und in Fertigstellung stehenden Wasserleitungen innerhalb des Jahres 1980 90 % der Wohnhäuser von Villanders die Möglichkeit haben werden, sich an die Gemeindewasserleitung anzuschließen. … Die Vertretung von Privatinteressen kann nach Auffassung des Gemeinderates mit der Person von Sepp Kußtatscher nicht in Verbindung gebracht werden, da ihm gerade seine Selbstlosigkeit und Geradlinigkeit hoch anzuwerten ist.”

So habe ich den Rücktritt widerrufen und habe auf Gemeinde- und Bezirksgemeinschaftsebene weiter gemacht, ebenso beim Bodenverbesserungskonsortium und im Abwasserverband Unteres Eisacktal, in welchem ich Gründungsobmann wurde. Ich habe auch bei den Gemeinderatswahlen 1980 kandidiert und wurde vom Gemeinderat wieder als Bürgermeister gewählt. Die Direktwahl der Bürgermeister wurde erst 1993 eingeführt.

Am Dienstag, 10. November 1981, genau zwei Jahre nach meiner Haft und fünf Tage vor der Einweihung von Schule, Kindergarten und Vereinshaus in Villanders kam es endlich zur Verhandlung beim Landesgericht in Bozen. Ein ganzer Tag war für diesen Prozess anberaumt worden. Alle von Gelbsucht betroffenen Personen, bei Minderjährigen deren gesetzliche Vertreter, waren in den Zeugenstand berufen. Dabei erhielt ich einen vollen Freispruch bei Gericht. Die Zeitungen, die vorher Schlagzeilen und Leitartikel über meine Verhaftung und über die Zustände in Villanders verfasst hatten, brachten irgendwo auf der linken Seite unten eine kleine Notiz über diesen Freispruch.

Für die Verteidigung und für verschiedene Gutachten musste ich mehr als sieben Millionen Lire privat vorstrecken. Als Bürgermeister bekam ich damals eine Amtsentschädigung von monatlich 800.000 Lire. Da ich einen vollen Freispruch bekommen hatte und da das ganze Verfahren ja nicht von mir als Privatperson, sondern als Vertreter der Gemeinde bestritten wurde, konnte die Gemeinde alle belegbaren Spesen vergüten.

Im Nachhinein konnte ich mit Wilhelm Busch sagen:

„Gehabte Schmerzen, die hab ich gern!”

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