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Vom Dezember 1974 bis zum Juni 1985 war ich Bürgermeister von Villanders.

Die Art und Weise, wie ich zum Bürgermeister gewählt wurde, war allerdings nicht ganz koscher.

Bei den Gemeinderatswahlen im November 1974 hatte ich kandidiert und erhielt als Neuling am dritt- oder viertmeisten Vorzugsstimmen. So ganz genau weiß ich es nicht mehr. In Villanders hat sich nur eine Liste, jene der Südtiroler Volkspartei (SVP), der Wahl gestellt. Ich habe als Parteiloser kandidiert und wurde erst später Mitglied der SVP. In den vorangegangenen 20 Jahren gab es auch immer nur eine einzige Liste in Villanders. Erst 1980 kandidierte auch eine parteiunabhängige Bürgerliste.

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Straßenbau in Sauders/Villanders um 1980. Eine Streusiedlung in exponierter Hanglage mit einer Straße zu erschließen, ist immer delikat. Dabei wird notgedrungen ein alte Kulturlandschaft durchschnitten.

Ich war mir bei der Kandidatur nicht sicher, ob ich als Mitglied des Gemeinderates fünf Jahre lang in Villanders bleiben würde. Meine Frau und ich hatten nämlich eine Zusage für ein interessantes Arbeitsangebot bei der Erwachsenenbildung in Nordtirol schon mehr oder weniger fix in der Tasche.

Einige Tage nach der Wahl haben mich ein paar Vertreter der Bauern, die als Gruppierung innerhalb der SVP-Liste im neuen Gemeinderat die absolute Mehrheit erreicht hatten, gefragt, ob ich bereit wäre, mich zum Bürgermeister wählen zu lassen. Es gab damals noch nicht die direkte Wahl der Bürgermeister durch das Wahlvolk, sondern der Bürgermeister und der Gemeindeausschuss wurden von den gewählten Ratsmitgliedern aus deren Mitte gewählt. Die Bauernvertreter wollten nach 18 Jahren Amtstätigkeit die Ablöse von Bürgermeister Hans Winkler. Sie meinten mir gegenüber, sie hätten zwar die absolute Mehrheit, aber keinen in ihrer Runde, der dem bisherigen Bürgermeister Paroli bieten könne. Mir würden sie es zutrauen. Nach zwei Tagen Bedenkzeit erklärte ich mich bereit, mich der Wahl als Bürgermeister zu stellen. Ich hatte in meiner Naivität nur eine Forderung, und zwar, dass die Bauern selbst Sorge tragen müssten, für mich die nötigen Stimmen zusammen zu bringen. Ich würde mir selbst keine Stimme geben. Wir haben bei dieser Geheimabsprache weder die Zusammensetzung des Ausschusses noch über Schwerpunkte des Programms geredet.

Am Barbaratag 1974 fand die konstituierende Sitzung des neu gewählten Gemeinderates in der alten Stube beim Peterwirt statt. Hans Winkler leitete als ältestes Ratsmitglied die Sitzung. Beim Tagesordnungspunkt „Wahl des Bürgermeisters” fragte er formal korrekt um Kandidatenvorschläge. Die Bauern, die mich um eine Kandidatur gefragt hatten, schwiegen. Ich wartete ab und sagte auch nichts. Ich wollte meine Bereitschaft nicht kundtun und wollte schon gar nicht mich nicht selbst vorschlagen. So erklärte Hans Winkler, dass er zum Weitermachen bereit sei, da sonst anscheinend ja niemand zur Verfügung stünde. Die Stimmzettel wurden verteilt. Beim Auszählen der Stimmen nach dem ersten Wahlgang ergab sich eine breite Streuung der Vorzugsstimmen und keine absolute Mehrheit für einen der 15 Gemeinderäte. So war ein zweiter Wahlgang notwendig. Dabei bekam ich neun Stimmen von 15 Anwesenden und war somit gewählt. Später erfuhr ich, dass die Bauern mir nicht auf Anhieb ihr Vertrauen aussprechen wollten, um mich ja nicht zu schnell stark werden zu lassen. Mich hat das politische Spielchen zunächst nicht besonders gestört.

Der Start war für mich als Neuling auf dem Bürgermeistersessel aber alles eher als leicht. Josef Runggatscher, Gemeindesekretär in Klausen, übte diese Funktion nebenbei auch in Villanders aus, wo er maximal einen Tag pro Woche Dienst tat. Er antwortete auf meine Fragen zu Gemeindeordnung, Finanzen, Urbanistik, Baurecht und anderen Themen meist ziemlich stereotyp: „Als Bürgermeister werden Sie wohl selbst Bescheid wissen…” Im Gemeindeamt gab es nur eine Beamtin, Sabina Flöss aus dem Gadertal. Sie schaltete und waltete dort schon seit 25 Jahren mit Rückendeckung des Gemeindesekretärs. Die Bauern ließen mich schwimmen. Der Haushaltsrahmen der Gemeinde war erbärmlich niedrig.

Nie in meinem Leben habe ich so intensiv gelernt wie in den ersten Monaten als Bürgermeister. Ich besuchte alle Tagungen, die der Gemeindenverband für neue Verwalter anbot. Ich studierte Gesetzestexte über Raumordnung, Gemeindefinanzen, Gemeindeordnung, Wohnbau usw. Ich bombardierte verschiedenste Landesbeamte mit unterschiedlichsten Fragen. Ich besorgte mir Informationen, wo immer ich konnte.

Man muss wissen, dass Villanders Mitte der 70er Jahre wohl eine der Gemeinden mit den schlechtesten Infrastrukturen in Südtirol war. Fast drei Viertel der knapp 200 weit verstreuten Höfe von 500 bis 1500 m Meereshöhe hatten keine Zufahrt, zumindest nicht eine solche, um auch im Winter mit einem motorisierten Fahrzeug Transporte durchführen zu können. Abgesehen von einigen hundert Metern öffentlicher Wasserleitung gab es keine öffentliche Trinkwasserversorgung, keine Kanalisierung und keine geregelte Müllabfuhr. Eine Reihe von entlegenen Häusern und Höfen war sogar noch ohne Stromanschluss, von Telefon war gar keine Rede… Es gab keine Bank und kein Postamt. 37 Familien im so genannten Oberland waren im Postverteilungsdienst nicht einmal vorgesehen. Es war üblich, dass die Post über die Volksschüler bei dem einen Briefträger, den es im Ort gab, abgeholt und ausgetragen wurde. In einem Kammerle beim Gassenschuster deponierte der Briefträger seine Post und nach Schulschluss am Nachmittag verteilte er diese, soweit Kinder zum Mitnehmen der Post bereit waren. Teilweise rauften die Kinder um die Post, weil sie beim Überbringen häufig mit ein paar Süßigkeiten oder mit einem sehr bescheidenen Trinkgeld belohnt wurden.

Mein Programm als Bürgermeister stand ohne lange Diskussionen und Konsultationen schon von Anfang an ziemlich klar fest: Bau von Zufahrtswegen, von Wasser- und Abwasserleitungen sowie bessere Versorgung des ganzen Gemeindegebietes mit Strom. Zusätzlich stand noch der Bau eines Vereinshauses mit einem großen Versammlungsraum auf meiner Prioritätenliste weit oben. Der Bau eines eigenen Gemeindehauses musste noch mehr als zehn Jahre warten. Die Gemeindeämter waren damals sehr notdürftig und provisorisch im Ex-Frühmesserhaus untergebracht. Vorher waren sie in einem Raum im Parterre des Steinbock, nach 1981, nach dem Bau des Schulhauses, übersiedelte die Gemeinde in das alte Schulhaus. Dort wurde dann unter Hans Winkler, der 1985 mein Nachfolger wurde, das derzeitige Gemeindehaus gebaut.

Da die Gelder hinten und vorne fehlten und die ordentlichen Haushaltsmittel der Gemeinde keine Hoffnungen aufkommen ließen, dass dieser Berghang im Eisacktal mit so vielen verstreuten Gehöften je ein öffentliches Wegenetz und genügend Leitungen für Strom, Wasser und Abwasser bekommen werde, suchte ich verzweifelt nach Sonderfinanzierungen. Joachim Dalsass, der für Landwirtschaft zuständige Landesrat und spätere Abgeordnete im Europäischen Parlament, hatte Einsicht, dass es hier eine außerordentliche Unterstützung brauche, nachdem er einen Tag lang mit mir in einem Jeep der Feuerwehr und zu Fuß das ganz Gemeindegebiet kennen gelernt hatte. Auf seine Empfehlung hin und mit Hilfe seiner Beamten gründete ich das Bodenverbesserungskonsortium Villanders. Zunächst war ich geschäftsführender Präsident und dann Sekretär, bis ich aus Zeitgründen, aber auch, weil ich bei den Bauern immer mehr in Missgunst gefallen war, ganz aus dem Konsortium ausschied.

Die finanzielle Situation der Gemeinde verbesserte sich von Jahr zu Jahr. Durch das Zweite Autonomiestatut bekam Südtirol in der zweiten Hälfte des 70er Jahre beträchtlich mehr Finanzmittel vom Staat. Als dann auch noch Hans Zelger aus Deutschnofen Gemeindesekretär wurde, war nicht nur das Bodenverbesserungskonsortium, sondern auch die Gemeinde finanziell in der Lage, mehr oder weniger alles zu realisieren, was wir organisatorisch auf die Reihe bekommen haben. Villanders war Ende der 70er Jahre und in den 80er Jahren eine große Baustelle. Es wurden nicht nur (mehr oder weniger) alle Höfe und Häuser mit Straßen erschlossen, wer an das öffentliche Wasserleitungsnetz und an die Kanalisierung anschließen wollte, bekam dazu die Möglichkeit, die Stromleitungen wurden erneuert und die Stromzufuhr in wenigen Jahren vervielfacht, Wohnbauzonen wurden errichtet, zwei Gewerbezonen erschlossen, ein Gebäude für Schule, Kindergarten, Bibliothek, Bank, Kultursaal und ein Arztambulatorium konnten errichtet werden und auch für das neue Gemeindehaus konnte konkret mit der Planung begonnen werden.

Dass bei dieser Geschwindigkeit das eine und andere in Villanders nicht sorgfältig genug gemacht wurde, das gebe ich gerne zu. Insgesamt gab es damals eine Aufbruchsstimmung, in welcher wir Villanderer mit den umliegenden Gemeinden gleichziehen wollten und weitgehend auch konnten. Heute hätte ich es wohl nicht mehr so eilig.

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