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Johann Kusstatscher, mein Vater, wurde 1890 auf Prackfied, einem hoch gelegenen Bauernhof in Villanders, geboren. Wesentlich geprägt wurde er durch ein sehr karges Leben und durch harte Schicksalsschläge.

Mitgeprägt hat ihn wohl auch in besonderer Weise der Erste Weltkrieg, an dem er als Zugführer im 4. Kaiserjäger-Regiment in Lwiw (Lemberg in Galizien) teilgenommen hat. Dabei wurde er im Kampf für die k.u.k.-Monarchie gegen das zaristische Russland mit der Goldenen Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet und kehrte bereits 1915 schwer verwundet heim. Zuvor hatte er seinen dreijährigen Militärdienst im Trentino gemacht, d.h. in Welschtirol bzw. im ursprünglichen Südtirol. Auch im Alter sprach er immer noch von Deutschmetz, Welschmetz, von Rofereit und Folgereit statt von Mezzocorona, Mezzolombarda, Rovereto und Folgaria.

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Bruder Luis und Schwester Anna “bedienen” meinen Vater - zur Gaudi aller Beteiligten

Als Kriegsinvalide pachtete er ab 1918 den Pflegerhof, den er 1936 vom Grafen Dietrich von Wolkenstein-Trostburg abkaufte. Mit seiner zweiten Frau, der 23 Jahre jüngeren Katharina Untermarzoner vom Sturmhof in Villanders, die er im Alter von 50 Jahren heiratete, hatte er zehn Kinder. Ich war der siebte. Eine zehnköpfige Familie war damals Normalität in bäuerlichen Familien.

Als ich 1947 auf die Welt kam, hatte mein Vater schon das Alter eines Großvaters. So bekam ich vieles von seinem nicht einfachen Leben nur durch Hörensagen mit. Ich war knapp 22 Jahre alt, als mein Vater starb. Später hätte ich oft noch gerne meinen Vater über zeitgeschichtliche Dinge befragt. Da war es zu spät.

Als ich ihn einmal bei einer Wanderung zum Latzfonser Kreuz fragte, warum er im Vergleich zu anderen Kriegsheimkehrern so wenig über die Weltkriege erzähle, da meinte er: Es reden meist eh nur jene, die nicht viel „mitgemacht” haben. Es sei sehr schwer, jenen etwas klar zu machen, die den Krieg nicht persönlich erlebt haben. Und den anderen, die selbst an der Front waren, denen brauche man nichts erzählen.

Mein Vater war Mitglied im Gemeinderat Villanders, schon bevor die Faschisten die gewählten Gemeinderäte von Südtirol 1926 aufgelöst haben, und er war dann sofort nach dem Zweiten Weltkrieg wieder dabei, als die Alliierten ihre Vertrauensleute als Gemeindeverwalter eingesetzt haben. Auch stellte er sich 1953 den ersten Wahlen zum Gemeinderat und war eine Verwaltungsperiode lang im Gemeindeausschuss.

Bei der unseligen Option 1939 war er wie viele andere zwischen Hitler-Deutschland und Mussolini-Italien hin- und hergerissen. Er entschied sich schlussendlich für’s Dableiben, was ihn bei vielen „Deutschnationalen” ins Abseits stellte, auch noch später trotz seiner Aktivitäten bei Bauernbund, Schützen und SVP. In vielen Vereinen und Organisationen auf Ortsebene und z.T. auch auf Landesebene war er im Nachkriegs-Südtirol aktiv dabei. Oft wurde er um Rat gefragt. Er war wenig daheim. Als Kriegsinvalide stellte er immer einen guten Knecht an, war als Viehhändler viel unterwegs und hatte häufig in Bozen zu tun.

Für uns war unklar, was es in Bozen zu tun gab. Uns schien es aber immer sehr wichtig zu sein. Hatte jemand mit einer Wasserkonzession Probleme, ging es um eine Hinterbliebenen- oder Kriegsrente, um eine verzwickte Situation im Katasteramt oder bei der Forstbehörde, um eine Vormundschaft oder um die Schlichtung eines Streites, da kam man häufig zum Pfleger. Mit einem Stück Speck und einer Flasche schwarz gebrannten Schnapses im Rucksack pilgerte der Vater oft nach Bozen. Damit wurden die italienischen Beamten vielfach günstig gestimmt. Heute würde man dies Bestechung nennen. Damals waren es Gefälligkeiten.

Daheim auf unserem Bauernhof kam oft Besuch, was für uns Kinder immer eine willkommene Abwechslung zum eintönigen Alltag war. Es waren nicht nur andere Bauern der Umgebung oder Viehhändler oder Gäste aus Dreikirchen, die den spätromanischen Ansitz Pradell auf dem Weg nach Villanders entdeckt hatten, auch hohe Vertreter aus Politik und Kirche kamen zum Pfleger auf Besuch. Ich erinnere mich beispielsweise an Gespräche mit dem ehemaligen Abgeordneten Eduard Reut-Nicolussi, mit Friedl Volgger, mit Prof. Lorenz Böhler, mit Graf Dietrich von Wolkenstein-Trostburg oder mit dem Trientner Theologieprofessor Georg von Hepperger. Bei den Gesprächen neben einer guten Speckmarende durften wir Kinder, wenn wir ganz ruhig waren, in würdiger Distanz neben dem Stubenofen sitzend mithören, obwohl wir meist recht wenig bis nichts verstanden haben.

Ich habe in meiner Kindheit sehr gerne gezeichnet und gemalt. Mit elf Jahren wurde ich bei einem Malwettbewerb des Radiosenders der RAI Bozen für eine aquarellierte Zeichnung prämiert. So durfte ich mit meinem Vater nach Bozen fahren, den Preis abzuholen. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich meinen Vater am Obstmarkt in Bozen verwundert gefragt habe: „Kennt Ös olle Lait do?” (1)

Denn er blieb auf der Straße und unter den Lauben immer wieder stehen, zog mit der linken Hand seinen großen schwarzen Hut, grüßte mit kräftigem Händedruck laufend Leute und wechselte kurz ein paar Worte. Beim Verabschieden pflegte er zu sagen: „Pfiati!” oder „Pfiat enk!” und fügte hinzu: „Zeit loudn!”(2)

Unser Vater war sehr wertkonservativ, religiös  und konsequent in Wort und Tat. Ein Blick oder ein Wort genügten und wir Kinder wussten, was und wie es zu tun war. Gerechtigkeit und Worthalten waren für ihn sehr hohe Tugenden. Bettler bekamen immer etwas zum Essen und bei Bedarf gab es auch jederzeit ein Nachtquartier. Ein besonderes Anliegen war meinem Vater das in den Nachkriegsjahren eingeführte Schulpatronat, durch welches die Finanzierung von Schulbüchern und später die Schulausspeisung für ärmere Schüler besorgt wurde.

Öfters höre ich noch ältere Frauen schwärmen vom alten schneidigen Pfleger. Mit seiner großen Statur und seiner Respekt einflößenden Art soll er Frauen besonders imponiert haben. Und wie war’s mit den Frauen bei ihm? Ich weiß sehr wenig. Solche Themen waren bei uns zuhause gänzlich Tabu.

Das Verhältnis des Vaters zur Besatzungsmacht Italien war pragmatisch, sicher nicht fanatisch. Jemand, der wie er als weitgehend unkritischer Untertan in der Habsburger Monarchie aufgewachsen ist und als Kaiserjäger „gedient” hatte, so einer hat die Annexion Südtirols durch Italien sehr schwer verkraftet. Für ihn war es besonders schlimm, als der gewählte Gemeinderat von den Faschisten abgesetzt wurde, ein Podestà die Amtsgeschäfte in der Gemeinde übernahm und er im Meldeamt der Gemeinde von Amts wegen den Namen Giovanni erhalten hat. So war auch die Entscheidung bei der Option 1939 eine schwere Gewissensfrage. Trotz allem habe ich ihn nie pauschal auf die Walschen schimpfen gehört. Er hat uns auch immer angehalten, beim Italienischunterricht in der Schule mitzumachen. Das hat zwar wenig gefruchtet, weil der Unterricht in der Volksschule damals wirklich miserabel war. Die provinzfremden Italienischlehrerinnen kannten nicht nur unseren Dialekt und die deutsche Hochsprache nicht, sie hatten auch nicht die geringste Ahnung vom Leben in einem Südtiroler Bergbauerndorf.

1947 wurde mein Vater drei Tage lang eingesperrt, weil er zu einem arroganten Carabiniere am Bahnhof Brenner „Stupido Carabiniere!” gesagt hatte. Bei einem Schnellverfahren hat ihn ein italienischer Richter in Sterzing frei gesprochen und den Carabiniere, der sich arrogant aufgeführt und somit das Schimpfwort verdient haben soll, aufgefordert, sich meinem Vater gegenüber zu entschuldigen, wohl auch deshalb, weil das Auftreten und die Schilderung meines Vaters über das Verhalten des Polizeibeamten sehr glaubwürdig schien, obwohl er sich auf Italienisch eher schlecht als recht ausdrücken konnte.

Bei uns zu Hause war einfachstes Leben und hartes Sparen Normalität. Als ich den Wunsch hatte, „studieren zu gehen” (ich war zunächst der einzige von den acht noch lebenden Geschwistern, der eine Oberschule besuchen durfte), hatte ich nur beim Vater Verständnis, weniger bei der Mutter, kaum bei den Geschwistern.

Ein Jahr vor meiner Matura hatte ich den Wunsch nach dem Buch „Südtirol - eine Frage des europäischen Gewissens”, herausgegeben vom Innsbrucker Historiker Franz Huter. Es war aber zu teuer. Als ein gut Bekannter aus Deutschland bei uns auf Besuch war und dabei das Gespräch auf das damals natürlich hoch aktuelle Thema der Sprengstoffanschläge in Südtirol kam, machte mein Vater den Hinweis, dass ich gerne dieses Buch von Franz Huter kaufen möchte. Dieser deutsche Gast spendierte mir großzügig das Geld zum Kauf des Buches. Ich habe das rund 600 Seiten starke Buch mehr gefressen als gelesen. Durch diese Lektüre wurde in mir das besondere Interesse an der Zeitgeschichte Südtirols und an Politik geweckt.

Unser Vater war kein gewöhnlicher Bergbauer, der außer auf den Markt nach Klausen und zum Zahnarzt nach Brixen oder Bozen nirgends hingekommen wäre. Er war öfters in München, er war in Verona und Mailand und er kannte als Viehhändler die meisten Bauernhöfe im Sarntal sowie zwischen Bozen und Innsbruck und hinauf bis Landeck.  Auch ist er im März 1938 eigens nach Innsbruck gefahren, um selbst den triumphalen Einzug Hitlers dort zu erleben. Diese Verherrlichung des Despoten Hitler wirkte auf ihn sehr abstoßend. Hitler hätte sich dabei „wie ein Herrgott” aufgeführt und feiern lassen. Öfters habe ich von meinem Vater gehört, dass durch diese Erfahrung in Innsbruck es für ihn ein Jahr hernach viel leichter gewesen sei, die billige Propaganda für die Option nach Großdeutschland zu durchschauen.

Eine Information muss ich als Grüner noch nachschieben. Ein Hof mit traditioneller Wirtschaftsform war im Grunde ein geschlossenes Öko- und Wirtschafts-System. Mein Vater hat penibel darüber gewacht, dass alles rundherum, Hofstelle, Felder und Äcker, sorgfältig gepflegt wurden. Abfälle gab es damals fast gar keine. Die Speiseabfälle bekamen die Schweine als Futter. Verrottbares kam auf die Mistlege und wurde mitsamt dem Stallmist dringend für die Düngung der Äcker und Wiesen gebraucht. Die Düngung erfolgte aber immer erst, wenn alles bestens verrottet war. Gut und problemlos Verbrennbares kam in den Holzherd oder in den Stubenofen. Die wenigen Flaschen und Gläser wurden sorgfältig aufbewahrt, weil man sie zum Abfüllen von Wein, Schnaps, Säften oder Marmeladen dringend benötigt hat. Und ist einmal eine Flasche kaputt gegangen, was eine halbe Katastrophe war, oder gab es einmal eine nicht mehr verwendbare Blechdose, dies alles wurde sorgfältig zerkleinert und in einer Geröllhalde am Rande unserer Felder tief eingegraben. Jeden Samstagnachmittag mussten die Dienstboten und später wir Kinder mithelfen, rund um das Gehöft alles sauber zu machen. Sogar der Kuhmist wurde sorgfältig und wie am Schnürchen ausgerichtet schön senkrecht aufgestockt. Wegwerfen war ein Fremdwort.


(1) „Kennt ihr alle Leute hier?” Wir redeten unsere Eltern und ältere Leute im Ort immer mit „Ös” (= Ihr) an. Die Du-Form wurde bei Gleichaltrigen angewandt, die Sie-Form nur beim Pfarrer, bei Lehrpersonen und bei den „Hearischen” (Herrischen), d.h. bei unbekannten Leuten von auswärts.

(2) “Zeit lassen!” Das war eine Wunschformel meines Vaters in einer Zeit, als es in der bäuerlichen Welt noch kaum Hektik gab.

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